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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-08-01 · Heft 8 (1.8.1898) · p. Seite 170

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 8 (1.8.1898)
Date
1898-08-01
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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in den weitaus meisten Fällen, das Gepräge einer, wenn auch indiskreten Willkür, entsprang sie entweder religiösen oder politischen Beweggründen so sind es heute vorwiegend wirtschaftliche und ethische Momente, die zum Boykott treiben, ihm ihren Stempel aufdrücken und ihn sittlich rechtfertigen. Was ist Boykott? Einmal das Bestreben eines mächtigen Einzelnen oder einer Verwaltung, andrerseits der Zusammenschluß einer Vielheit zu dem Zweck, einen andern Einzelnen oder eine Gesammtheit wirtschaftlich oder gesellschaftlich zu isolieren, zu schädigen, in Denken und Handeln nach einer bestimmten Richtung zu beeinflussen. Der mächtige Einzelne, von dem eine Vielheit wirtschaftlich abhängig ist, kann ihre Lebensführung, ja selbst ihr Denken in ihm genehme Bahnen zwingen, er kann das Heiratsalter seiner Beamten und Arbeiter bestimmen, ihre Lektüre u. s. w. (Siehe Stumm). — Eine Behörde kann boykottieren. Die Post verbietet ihren Angestellten, die Militärverwaltung den Soldaten den Besuch miß- ( liebiger Wirtschaften und dergl. Den häufigsten Gebrauch vom Boykott machen t die Arbeiter. Er ist neben dem Strike ihre einzige Waffe und erscheint daher auch hier in seiner typischen, d. i. rein wirtschaftlichen Gestalt. Gleichzeitig läßt sich hier auch am besten erweisen, daß der Boykott in hohem Maße ethisch wirken kann, nach innen und nach außen, d. h. auf die, die ihn ausüben, und auf die, gegen die er gebraucht wird. Die Arbeiter boykottieren einen Wirt, der ihnen sein Lokal zu Versammlungszwecken verweigert, sie boykottieren eine Produktivgenossenschaft (S. Bierboykott Berlin), oder verhängen die Sperre über ein Geschäft, uni Arbeitsgenossen eine bessere Behandlung oder bessere Löhne zu erkämpfen. Der einsichtige Sozialpolitiker denkt nicht daran, ihnen das zu verk Übeln. Er weiß, daß der Arbeiter als Einzelner nichts bedeutet, daß die Gesammtheit die Erfolge für den Einzelnen erringen muß. Er weiß ferner, daß ein gemeinsames Vorgehen das Gefühl der Mitverantwortlichkeit im Einzelnen erstarken läßt, daß es ihn lehrt, den Blick auf's Ganze zu richten, über sein eignes Wohlbehagen hinaus für das Ganze einzutreten; während andrerseits gemeinsames Vorgehen der wirtschaftlich Schwachen auch den widerborstigsten Gegner, wenn nicht Achtung und Anerkennung, so doch eine Rücksicht abzwingt, die er dem Einzelnen gegenüber für unnötig gehalten hätte. — Wir Juden befinden uns in ähnlichem Falle. Eine frühere Zeit sperrte die Juden von der Gesellschaft, dem Handwerk und Ackerbau, ja selbst der Wissenschaft aus, von behördlichen Funktionen gar nicht zn reden. Mit der Emanzipation der Juden wurde das anders, auf dem Papier wenigstens. Vor dem Gesetz sind heute alle Staatsbürger gleichberechtigt und Staatsbürger sind auch die Juden. Wir wollen nicht untersuchen, inwieweit auch hier Einschränkungen zu machen wären (Schulerlaß u. a. m.), wir wollen uns selbst nicht mit dem gesellschaftlichen Boykott beschäftigen, der die Juden von gewissen Gesellschaftskreisen, studentischen Verbindungen, dem Offiziersstand re. prinzipiell aus-

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