Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber warum müssen wir da stehen bleiben, wo die Geburt uns hinstellt? Warum sind unsere Väter dreitausend Jahre lang Juden geblieben, wo es wahrlich niemals leicht war, Jude zu sein? Warum sind sie nicht aufgegangen in die übermächtigen Völker und Religionen? Warum sind sie geblieben, was sie waren? Und warum bleiben wir und müssen wir bleiben, was wir sind? — Weil das Jndenthum die beste aller Religionen ist? Das behaupten alle Gläubigen von ihren Religionen, Aber Gabriel Messer hat gemeint: Aus Ehrgefühl! Andere haben gesagt: Aus Gewissenhaftigkeit! Wieder Andere: Aus Pietät! Wie viele Antworten und keine Antwort? Wie viele Gründe und kein Grund! Wo ist die Wahrheit? Nach dieser Wahrheit habe ich gerungen, nach diesem Licht habe ich gesucht Jahre und Jahre. Ich habe die Schriften der Vorzeit gefragt und die! Weisheit unserer Tage und habe keine Antwort gefunden. Ich habe die Lösung > des Räthsels selbst versucht und meinte sie gefunden zu haben; dann aber habe ich mir gestanden: Das ist nicht die Wahrheit! Das Judenthum ist gut, ist sittlich, ist schön, ist wahr, das Judenthum hat eine große Vergangenheit, hat eine große Zukunft! Gewiß! Der Mensch muß Ehrgefühl und Gewissen haben, muß Pietät üben! Gewiß! Das sind lauter Gründe, aber kein Grund. Aus diesem Grunde ist Keiner Jude. Wo ist der Grund der Gründe? Wo ist das Warum des Warum? Warum sind wir Juden? Warum müssen wir Juden sein? Wo ist die Wahrheit? Warum wir Juden sind? Warum wir Juden sein müssen? Warum? Thörichte Frage! Frage das Feuer, warum es brennt! Frage die Sonne, warunl sie scheint! Frage den Baum, warum er wächst! Frage den Löwen, warum er brüllt! Frage den Menschen, warum er liebt! So frage den Juden, warum er Jude ist. Wir können nicht anders! Es ist in uns ohne unser Zuthun! Es ist da, urlebendig und gottesgewaltig; Es ist ein Gesetz unserer Natur! Es ist da, wie die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde, wie die Liebe der Menschen zu seiner Heimath! Es sprudelt hervor aus den dunklen Tiefen unseres Herzens. Es ist ein Bestandteil unseres Herzens! Es ist unzerstörbar, unbesiegbar, unwiderlegbar, weil das Herz unzerstörbar, unbesiegbar, unwiderlegbar ist. Reißet es aus dem Herzen! Ihr könnt es nicht! Es ist stärker als wir! Eher könntet ihr einen Stern aus der Himmelskrone brechen, als dieses dunkle, unbewußte Etwas, das euch zu Juden macht, aus eurem Herzen reißen. „So spricht der Ewige, der bestellt hat die Sonne zum Licht bei Tage, die Gesetze des Mondes zu leuchten in der Nacht, der das Meer aufwühlt, daß seine Wellen brausen, Adonai Zebaoth ist sein Name: Eher werden diese Gesetze aufhören, eh' daßder Same Israels aufhören wird, mir ein Volk zu sein ewiglich." (Jer.31,35—36.) Wir können uns nicht — und wenn wir's tausendmal selber wollten — losreißen von den Wurzeln unseres Seins. Der Wille zum Leben bäumt sich