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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1897-11-01 · Heft 11 (1.11.1897) · p. Seite 242

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 11 (1.11.1897)
Date
1897-11-01
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 schritten anzupassen im Stande ist. Dieses Streben würde, wenn verwirklicht, die Religion der Zukunft bedeuten. Ehe wir auf diese näher eingehen, müssen wir uns noch mit den bestehenden Religionen beschäftigen. Um das Bedürfnis einer Religion der Zukunft zu begründen, müssen wir ja erst beweisen, daß die bestehenden Religionen vielen verständigen, braven, aufrichtigen und gebildeten Menschen unserer Zeit nicht mehr genügen können. Wer der Ansicht ist, daß die Kulturvölker durch den Niedergang des Glaubens mehr und mehr auf bedenkliche Abwege geraten müssen, dabei auf eine Neubelebuug desselben hofft und auch für diese Neubelebung wirken möchte, der muß zuvörderst die Ursachen des Niedergangs zu erkennen suchen, und wem dies gelungen, diese Ursachen offen darlegen. Von den offiziellen Vertretern der bestehenden Konfessionen geschieht dies nicht. Ob dieselben die Ursachen des Niedergangs von ihrem Standpunkte aus nicht erkennen, oder ob ihre Stellung ihnen nicht gestattet, sich offen darüber auszusprechen, ist einerlei. Sie wollen bei allen ihren Kundgebungen und beim Verkehr mit dem Publikum ohne weiteres voraussetzen, daß der frühere Glaube bei den Meisten noch vorhanden ist, daß also eine Neubelebung desselben nicht erforderlich erscheint. Man bedauert und tadelt den mangelnden Eifer für die Religion, betont aber dabei, daß die betreffende Religion, oder vielmehr die betreffende Konfession daran keinerlei Schuld trage, sondern nur die Lauheit ihrer Angehörigen. Man behandelt die Sache wie ein Arzt, der eine wirklich vorhandene Krankheit heilen soll, aber das Vorhandensein derselben nicht erkennt oder nur Scheinmittel dagegen verordnet, oder auch wie ein Koch, der eine von den Gästen als unverdaulich und nicht schmackhaft erkannte Kost diesen Gästen in unveränderter Zubereitung immer wieder neu vorsetzt. Dies hat zur Folge, daß die Zahl der Entfremdeten und Gleichgültigen immer mehr zunimmt; viele wollen beweisen, daß die Religion für die Bestrebungen zur Förderung des Wohls der Menschheit ganz und gar entbehrlich ist; manche behaupten sogar, daß die bestehenden Religionen diesen Bestrebungen hindernd im Wege stehen. Diese religonswidrige Richtung ist im Zunehmen begriffen, ganz besonders bei der kommenden Generation, da der vom Elternhause ausgehende Impuls, welcher für das Wiederaufleben religiöser Gesinnungen ,das Haupterfordernis wäre, in den meisten Fällen gänzlich fehlt. Viele widmen ihre Bestrebungen ausschließlich materiellen Interessen, während andere, von der Religion in ihrer gegenwärtigen Form nicht befriedigt, ihrem geistigen Streben irgend eine anderweitige Richtung geben. Manche wenden sich der Philosophie zu, überzeugen sich aber meistens bald, daß die Philosophie, welche das frühere Gebäude der Religion zerstört hat, irgend ein anderes wohnliches Gebäude — zum Ersatz — nicht aufbauen, irgend eine andere, auf die Dauer befriedigende Weltanschauung nicht Herstellen konnte.

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