Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1897)
- Date
- 1897-07-01
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969837-2969845--5133-2974422- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 Kulke's Buch über „Richard Wagner", in seiner „Entwicklungsgeschichte der Meinungen", in seiner Schrift über Nietzsche, in seiner fast vollendeten „Ästhetik" die kritisch-wissenschaftliche, die philosophische Begabung hervor, während uns aus anderen Arbeiten, so insbesondere aus den gemütstiefen, geftthlsinnigen und psychologisch feinen Erzählungen sein poetisch hohes Talent entgegenleuchtet. Bei voller Freiheit in konfessionellen Dingen bewahrte Kulke doch stets eine treue, pietätvolle Anhänglichkeit an seine Stammesgenossen. Eine seinerzeit um den Preis der Taufe in Aussicht gestellte Professur lehnte er ab; er hätte das Gegenteil fast als Verrat empfunden. Geschäftliches Talent, die Fähigkeit Geld zu erwerben, fehlte ihm vollständig. Ihm war nur das Talent eigen in beschaulicher Weise seinen Gedanken und Phantasien zu folgen, ein Talent, das wenig einträglich ist. Aber dem stillen freundlichen Manne fehlte es nicht an Mut und ethischer Kraft, wenn es galt einein Unrecht entgegenzutreten. So wußte er, wenn die Gelegenheit ihm die Pflicht auflegte, die herausfordernden Äußerungen roher Antisemitlinge gebührend zurückzuweisen, ein nachahmenswertes Beispiel für manche wohlsituirte Herren, welche in vornehmer Nichtachtung über Alles hinweggehen, wovon sie persönlich unberührt bleiben. — In Wien wurde in einer Delegirten-Versammlung der Großgemeinden am 7. und 8. April die Gründung eines „Allgemeinen österreich-israelitischen Gemeindebundes" beschlossen. — Der seinerzeit als Kind jüdischer Eltern aus Bologna geraubte Augustinermönch Mortara predigte vor einiger Zeit in Budapest. Wie die gewaltsame Taufe des Kindes, erregte das Wirken des Priesters Aufsehen. Es war keine eigentliche Kanzelrede, welche der Pater hielt, er erzählte blos seinen Lebenslauf, die Geschichte seiner Taufe und bat zum Schlüsse die Andächtigen für die Bekehrung der Andersgläubigen zu beten. Im Laufe der Rede gedachte er anch des Antisemitismus und rerurteilte scharf die Form, in welcher dieser heute zu Tage tritt. Er betonte, man müsse nur den Irrtum hassen, die Menschen aber müsse man lieben, denn als der Stifter des Christentums sagte: „Ihr seid Alle Brüder", hat er keine Ausnahme von diesen! Gebot zugelassen. Am wenigsten ist aber der Haß den« Volke Israel gegenüber am Platze, dem Volke Gottes, welches der Christenheit den Heiland geschenkt hat. — Die „Wiener Arbeiter-Zeitung" erinnert daran, daß am 13. Mai ein Vierteljahrhundert seit dem Tode des Poeten und Menschenfreundes Moritz Hartmann verflossen ist. Am Schluß des mit großer Wärme geschriebenen Aufsatzes heißt es von Hartmann: „Ein seltsamer Zauber umfließt seine Persönlichkeit. Von der Natur mit aller männlichen Schönheit begabt, vereinigt er in seiner Dichtung tiefen Ernst mit unendlicher Milde und Weichheit. Er ist aber nicht bloß ein Dichter und Denker — wo es zu handeln gilt, da ist er dabei, und mehr als einmal stand er im Kugelregen. Aber bei aller Weichheit und Sinnigkeit seines Wesens ist er unbeugsam und staar wo es notthut. Er hat sich immer nur vorwärts entwickelt und es nie verstanden, den Mantel nach dem