Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1897)
- Date
- 1897-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 auch heute beobachtet werden und der historische Forscher muß sich oft zurückziehen vor dem die Wahrheit fürchtenden Vorurteil. Andererseits wird die Untersuchung erschwert und nicht völlig grundlose Zweifel am Ergebnis geweckt durch den Umstand, daß unsere religionsgeschichtlichen Quellen — und hier ist in erster Reihe an die Heilige Schrift und die Talmndische Literatur zu denken — teils lückenhaft sind, teils aus viel späterer Zeit stammen, als sie vorgeben und deren Institutionen sie lediglich auf Grund hundertjähriger Traditionen der Nachwelt übermitteln. Die wissenschaftliche Kritik unserer Tage hat die Heilige Schrift bereits völlig zugänglich gemacht dem Forscher der Religionsgeschichte, doch dichter Nebel deckt noch immer das Meer des Talmuds, sowohl bezüglich der Archäologie als der Religionsgeschichte. Der Talmud ist voll ungenauer Angaben, nicht allein was die äußere Geschichte der Juden zur Zeit des zweiten Tempels betrifft, sondern in der That bietet er auch kein Vollbild der religiösen Anschauungen und des Cnltus der Judenheit jener Zeit. Es darf dies aber nicht auffallen, wenn wir bedenken, daß die Mischnah selbst, so wie sie uns vorliegt, um mehr als hundert Jahre jünger ist, als die Zerstörung des Tempels und die Verbreiter der im Talmud zusammengetragenen Überlieferungen mehr denn sechshundert Jahre umspannen. Nehmen wir auch an, daß die Überlieferung des jerusalemischen Tempelcultes auf die genaueste Weise sich vollzog, so muß uns doch behutsam stimmen jener äußerst ernste Disput, den die divergirendsten Standpunkte einnehmenden Talmudlehrer betreiben bezüglich der Feste und Ceremonien der Opfer, zu einer Zeit, da sie schon durch Jahrhunderte von jener Zeit getrennt waren, in welcher die umstrittenen Ceremonien wirklich ausgeübt wurden und als infolge des Nichtseins des jerusalemischen Tempels jene Ceremonien nur mehr Sache bloßer Theorie sein konnten. Es ist natürlich, daß die Lehrer der Mischnah und des Talmud größeres Gewicht legten auf jene Traditionen und sich mit den im jerusalemischen Tempel geübten Ceremonien nachdrücklicher befaßten, welche auch noch zu ihrer Zeit verwirklicht werden konnte»; doch andererseits kümmerten sie sich wenig uin die, wohl an den Bestand des Tempels geknüpften, doch minder wichtig erscheinenden Ceremonien und da begnügten sie sich mit der knappen Tradition, ohne diese durch weitere Forschungen oder Darlegungen zu erörtern. Gerade diesem Umstande danken wir es jedoch, daß die Überlieferung jener minder wichtig erscheinenden und nicht realisirbaren Ceremonie intact geblieben ist und durch die Dispute der Talmudlehrer nicht ihre Ursprünglichkeit verloren hat. Lückenhaft mag wohl eine solche Tradition sein und obgleich sie sich nicht auf die Minutien jener Ceremonie erstreckt und wir eben deshalb jedem ihrer Worte erhöhte Aufmerksamkeit widmen müssen; wir wissen aber wenigstens, daß das Gezänke der Jahrhunderte die Tradition nicht verderbte und somit bietet sie der Forschung einen sichern Boden.