Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1897)
- Date
- 1897-04-01
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 hatte ich viele Lücken auszufüllen; manches durch das Talmudstudium Versäumte hat sich niemals wieder ausgeglichen. Mein ungleichmäßiges Wissen konnte sich an das Klassenpensum nicht in regelmäßiger Weise anschließen, und so mangelte mir da und dort die feste Grundlage. Das Interesse stir jüdische Wissenschaft ist mir nie verloren gegangen; pflegen konnte ich sie allerdings nur wenig, weniger als mir lieb war, und die Prophezeiung meines ehrwürdigen Rabbi „Jiskeh leraw oreh weruach adonai olow jaureh" (et wird zu einem leuchtenden Rabbi werden und der Geist Gottes wird sich auf ihn ergießen) hat sich daher nicht erfüllt. Was veranlaßte meine Eltern, wird man fragen, einen so eigentümlichen Studiengang für mich zu wählen? Mein Vater und meine Mutter waren recht verständige Leute, deren sehnlicher Wunsch darin gipfelte, ihre Kinder, namentlich ihre Söhne, mit reichen Kenntnissen ausgerüstet zu sehen, von denen ihnen selbst nur einzelne Brosamen mühselig aufzulesen vergönnt war. Vielleicht auch, daß ihnen die „Sechijah", das Glück, einst einen „Talmid chocham", einen Schriftgelehrten, in ihrem ältesten Sohne zu besitzen, vorschwebte. Ich erinnere mich, daß mein Vater auf die Frage eines Dritten, was er damit bezwecke, daß er seinen Sohn auf eine Talmudschule schicke, antwortete: „Mein Sohn soll zunächst Gamarah (Talmud) studieren; das andere wird sich finden." In der That galt in jener Zeit bei den Juden noch vielfach das talmudische Wissen, wie heutzutage die Gymnasialbildung, als die allgemeine Grundlage, auf der sich das Fachstudium mit Leichtigkeit aufbauen ließ. Dazu kam, daß das Talmudstudium im Vergleich zu dem weltlichen Studium ungemein erleichtert war. Die geringe Vergütung für den Unterricht konnte selbst von weniger Bemittelten erschwungen werden und für Essen und Trinken war dadurch gesorgt, daß die Gemeindemitglieder den Bachurim unentgeltlich Kosttage gewährten. Auch für Bücher erwuchsen keine Ausgaben. In der Gemeinde fanden sich immer einzelne Männer, Handelsleute, die in ihren Mußestunden dem Talmudstudium oblagen und einen Teil ihrer Bücher den Bachurim gerne zur Verfügung stellten, oder aber es gab wohlhabende Familien, die sich einen Schaß (die Folianten' des Talmud) angeschafft hatten einzig und allein zu dem Zwecke, daß er von den Bachurim benützt werde. Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind die Jeschiwahs in West-Europa eingegangen; die jetzt noch vorhandenen Talmudschulen können ihrer ganzen Einrichtung nach nicht mit den alten berühmten Jeschiwahs verglichen werden. Die heutige Generation hat kaum ein Verständnis für die Lebensanschanungen der Zeit, da diese Schulen noch in Blüte standen; die Mitteilungen davon klingen an ihr Ohr wie Erzählungen aus dem Mittelalter. Die technischen und wissenschaftlichen Fortschritte haben auch hier einen ungeahnten Umschwung bewirkt. Mir aber erscheinen die Erinnerungen aus meiner Knabenzeit, selbst mit ihrer rauhen Wirklichkeit, freundlich verklärt von den Strahlen der Spütherbstsonne.