Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 257 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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257 denken! Und in der That, gab es keine bessere Zeit zu Beidem, zum Reformator und zur Gründung der Weltreligion als die damalige? War nicht das in Opulenz hinsiechende Rom reif zur Annahme des Judentums? Und warum hat man es damals nicht verstanden, sich mit den Gründern des Christentums zu Pauli und zu Petri Zeiten auseinanderzusetzen und diese auf so günstigen Boden fallende neue Religion im jüdischen Fahrwasser zu erhalten? Warum war es Plagiatoren Vorbehalten, den Honigseim aus der jüdischen Religion zu ziehen und sie unter dem höchst günstigen Protektorat des eonstantinisch-römischen Reichs der versumpften römischen und barbarisch-heidnischen Welt als siegreiche Weltreligion aufzupfropfen? Es giebt nur eine Erklärung dafür: Große Ideen brauchen Zeit zur Entwickelung. Die Entwickelung fiel in die Zeit der Zerstörung des jüdischen Reiches und der Zerstreuung des jüdischen Volkes über alle Welt. Der einzige Centralpunkt des Judentums waren alsdann die Ga onim in Babylon, also im Exil. Und keine Umstände in der Welt sind weniger geeignet, eine religiöse Wiedergeburt zu erzeugen, als Exil und Diaspora. Dies ist nach nieiner unmaßgeblichen Ansicht die Erklärung, warum es nach Jesus, Petrus und Paulus keinen Reformator des Judentums und Gründer der jüdischen Weltreligion niehr geben konnte und warum die Völker, die das Christentum angenommenhaben sich mit dem begnügen mußten, was man ihnen als vollendet entwickeltes Judentum darbot. — Der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Kerlin hat eine kurze Abhandlung mit der Aufschrift: „Die Criminalität der Juden in Deutschland" erscheinen lassen. Dieselbe ist insofern von praktischer Bedeutung, als in der antisemitischen Bewegung die Behauptung eine große Rolle spielt, daß die Juden, zum Verbrechen besonders veranlagt, für die beteiligten Länder eine große Gefahr seien. — Das 70. Geburtsfest des Großherzogs von Baden wurde im ganzen Lande mit großer Begeisterung begangen, besonders war es die Residenzstadt Karlsruhe, welche die Festlichkeiten auf das großartigste ausführte. In allen Synagogen wurde ein Festgottesdienst am 9. September abgehalten, dessen Programm — Absingen von entsprechenden Psalmen, besonders hierzu verfaßtes deutsches Gebet, Predigt — schon vor Wochen an alle Gemeinden des Landes abgesandt wurde. Bei der Audienz war auch eine Abordnung des Oberrats der Israeliten, bestehend aus Regierungsrat Dr. Mayer, Oberrat Dr. Albert Seligmann, Conferenzrabbiner Appel und vom Synodalausschuß Rechtsanwalt Dr. Friedberg und Stadtrat Fritz Hamburger. — Am 5. September waren es dreißig Jahre, daß die Neue Synagoge in der Oranienburgerstaße in Berlin eingeweiht wurde. — Auf dein jüdischen Friedhofe in Main; wurden durch Nachgrabungen wiederum eine Reihe uralter jüdischer Grabsteine gefunden. — In Kelsterbach a. M. wurde die neu erbaute Synagoge durch Herrn Rabbiner Dr. Selver aus Darmstadt eingeweiht. — In Lampertheim hat die politische Gemeinde der jüdischen zur Erbauung eines Schulhauses Mk. 1000 bewilligt. Daselbst