Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1896)
- Date
- 1896-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.194 dienst wieder aufnahmen. Die damaligen Äußerungen wurden mehr oder weniger getreu in den öffentlichen Blättern wiedergegeben. Ich erhielt einen Brief, den ich zum Verlesen mitbrachte, in welchem der Schreiber wegen der Rüge, die ich ihm erteile, mich zur Rede stellt: „Es kam mir sonderbar vor, daß Sie solche Bemerkungen machen sollten. Wenn jemand thatsächlich ein Anhänger der ethischen Kultur ist, wie kanu er die Fahne des jiidischen Glaubens entfalten, wenn es der eigentliche Verlust dieses Glaubens war, der ihn ins Lager der ethischen Kultur trieb! Ich bezweifle, daß viele unserer Mitglieder ihre Abstammung verleugnen, und wenn es darauf ankommt, den Stamm zu verteidigen, so sind wir ebenso dazu bereit, als der Frönimste der Juden. Doch waruni sind gerade die liberalsten unter den Rabbinern hinter uns her? Wir glauben, ein Mann sei ein Mann; wir verkehren mit unfern Stammesbrüdern, wir steuern zu ihren Almosen bei, wir machen dem Stammbaume keinen Schaden und doch finden wir, daß gerade die aufgeklärtesten und liberalsten unter den Rabbinern uns beständig zur Zielscheibe des Spottes machen. Meine Bitte sei: „Lassen Sie uns in Frieden!" Können Sie nichts Gutes von uns sagen, so sagen Sie gar nichts!" Diesen Brief beantwortete ich folgendermaßen: „Ich freue mich, daß Sie Ihren Gefühlen fteieu Lauf ließen in der freiniütigen Art ihres Schreibens, indem es mir eine Gelegenheit giebt, Ihnen zu erwidern, daß ich für Denjenigen den höchsten Respekt hege, der treulich seiner Überzeugung folgt, selbst wenn sie ihn so weit von der meinigen führt als das orthodoxe Christentum einerseits oder der Atheismus andererseits. Die Sache, vor der mir graut und die ich nie in Ruhe lassen kann, ist Trug. Der Kleinmut gewisser Juden, welche ihre Identität verbergen, sich als ethische Kulturanhänger oder als Unitarier geberden, wenn sie in ihrem innersten Herzen, kraft ihrer gesellschaftlichen Verbindungen, doch Juden sind, widert mich an! Daß es eine solche Klasse Juden giebt, ist allbekannt, und daß mancher Jude eine ähnliche Neigung hegt, ist auch bekannt. Ich würde meiner Pflicht als jüdischer Beamter nicht Nachkommen, wenn ich sie unbehelligt ließe. Es war für diese, und diese ausschließlich, denen meine Bemerkungen galten, wie Sie auch imnierhin berichtet sein mochten." Meine Freunde! Ich habe aus dieser Korrespondenz citiert, um klar und deutlich darzulegen, was ich heute Abend zu sagen habe. Wenn ich als Lehrer des Judentums es als eine Notwendigkeit bedinge, gewisse Anhänger desselben zu rügen, so maße ich mir nicht an, die Mitglieder des ethischen Vereins zu kritisieren, doch behaupte ich das Vorrecht, und das ist jedermanns Recht, das System, das sie aufrecht halten, nach dem Maßstabe des Judentums zu studieren, es zu prüfen und sich zu vergegenwärtigen, ob man sie bemitleiden oder verurteilen soll.