Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 welches unübertroffen dasteht und ich habe seit 1860 keinen biblischen Kommentar und überhaupt fast keine Schrift veröffentlicht, an welchen sein reiches bibelkritisches, nationalgrammatisches, rabbinischtalmudisches Wissen nicht einigen Anteil hätte. Neben dem hochbetagten Professor Dr. S. Frensdorff in Hannover ist Baer der größte Kenner der Massorah unter den Jetztlebenden, er verfügt über die Forschungsergebnisse von mehr als drei Jahrzehnten, es giebt keinen Gelehrten, Frensdorff nicht ausgenommen, der ihn, den Handschriftkenner und Massoretiker nicht über sich stellte — sein Haus war in diesem Sommer ein Sammlungsort deutscher, englischer, französischer Gelehrter, die sich dort aus seinem reichen Wissen zu bereichern suchten. Seit dem Jahre 1861 hat Baer unter meiner Mitwirkung kritische Ausgaben der gelesensten alttestamentlichen Bücher herausgegeben, deren Texte zu den korrektesten gehören und deren Diskussionen der varia lectio schätzbare Beiträge für Grammatik und Exegese liefern. In einer zweisprachigen Ausgabe des Psalters that sich der selige Tischendorf mit ihm und mir zusammen. Es war Tischendorff's letzte Arbeit, inmitten welcher er zusammenbrach. Ein'origineller und von keinem Grammatiker zu ignorierender Beitrag zum Ausbau der hebräischen Grammatik ist die umfängliche Abhandlung Baer's über die Gesetze des .,Metlieg oder Gaja“ in Band I des Merx'schen Archivs. Noch ungedruckt ist eine druckfertige aramäische Grammatik mit dem kritisch berichtigten Texte der biblisch-chaldäischen Stücke. Ich kenne sie hinlänglich, um zu wissen, wie vielfach daraus die Grammatik Sam. David Luzzatto's berichtigt und ergänzt werden kann. Auch mit dem sogenannten assyrischen Punktationssystem ist er so vertraut, daß Professor Strack während seiner Herausgabe des Petersburger babylonischen Propheten-Codex sich in ununterbrochener Korrespondenz seines Rates bediente. Er ist jetzt im Begriff mit Baer zusammen die Fragmente des Tiberiensers Ben Ascher mit Zuziehung vieler handschriftlichen Quellen herauszugeben. Ueber die vielen Schriften Baer's, welche dem Gebiete der Synagogalliturgie angehören, schweige ich hier, nur das große Siddur Abodath Israel (1868) erwähnend, dessen archäologischer und sprachlicher Kommentar z. B. zu dem alten Gebete der 18 Benediktionen (Scliemone Esre) eine Fundgrube fördernder Aufschlüsse und Mitteilungen ist. Ich wiirde mich außerordentlich freuen, wenn die hochlöbliche phylosophische Fakultät sich entschlösse, diesen verdienstvollen, in mehreren Fächern einzigartigen Gelehrten durch Erteilung der Doktor-Würde zu erfreuen. Es ist ein stiller Wunsch, den ich schon lange hege, nun aber endlich nicht länger zu unterdrücken vermag. Leipzig, am 16. Oktober 1876. Professor Dr. Franz Delitzsch.