Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1896)
- Date
- 1896-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 betrachten seinen Gang durch die Jahrtausende, den es mit seinem Auszuge aus Ägypten hat angetreten, den es trotz der schweren und unüberwindlichen Hindernisse, die ihm in den Weg gelegt wurden, ohne Unterbrechung bis in die jüngste Gegenwart hat fortgesetzt und den es erst in der Zeit wird beenden können, in der die Völker sprechen werden: „Kommt laßt uns hinaufziehenzu dem Berge des Ewigen zu dem Hause des Gottes Jakobs, denn von Zion geht die Lehre ans und das Wort Gottes von Jerusalem." Was ist seitdem aus Israel geworden? was geworden aus dem Lichte, das ihm über der Finsternis Ägyptens ist zuerst erschienen, das am Morgen seiner Freiheit ihm erstrahlt und aufgegangen ist? Gar manchmal hat seitdem die alte Knechtschaft sich erneuert, gar manchmal sind seitdem die Tage des Elends wiedergekehrt, die Israel in Ägypten durchlebt hat. Ja noch bitterer wurde oft der Kelch seiner Leiden, noch schwerer das Joch des Druckes, das auf seinen Schultern lastete, noch höher schwang der Haß seine blutige Geißel und wollten wir alle die Tage feiern, an denen unsere Väter aus furchtbaren Gefahren errettet, von unheildrohenden Verfolgungen behütet wurden, unsere ganze Lebenszeit müßte zu einem endlosen Freiheitsfeste sich gestalten. Doch das wird durch die Stimmen aller Jahrhunderte deutlich verkündet, das durch die ganze Geschichte unserer Vergangenheit tausendfach bezeugt, daß Israel trotz alledem seine erhabene Sendung nicht verleugnet, daß es seinen Beruf, der Zeuge und Bekenner der höchsten und lichtvollsten Wahrheiten zu sein stets auf das glänzendste bewährt, daß es die Überzeugungen, die es schon in seiner Jugendzeit in sich ausgenommen, die mit seiner Befreiung aus Ägypten sein geistiges Eigentum geworden waren, stets bewahrt und geschirmt hat mit aller Hingebung des Herzens, mit seinem Thun und seinem Wollen, mit seinem Leben , und sie nie hat verloren und aufgegeben. Ja wie die Saaten der Lehre, die in das Herz des Kindes gestreut werden so tiefe Wurzel in seiner Seele fassen, daß sie in der Folge der Jahre sich reichlich entfalten und selbst dem späten Alter noch die Frucht lieblicher Erinnerung spenden, so haben die großen Wahrheiten, deren Kenntnis Israel gleichsam in seinem Kindesalter schon empfangen, einen heilsamen Einfluß auf seine ganze fernere Geistesentwickelung ausgeübt und es niit jener wunderbaren Überzeugungstreue, mit jener unerschütterlichen Standhaftigkeit ausgerüstet, die aus unseren Vätern Helden der Freiheit gemacht hat und die als ein kostbares Erbe auch auf uns ist übergegangen. Was ist das für eine hohe und herrliche Lichtgestalt, die da in so majestätischem Glanze auf den Bahnen der Geschichte dahinzieht, zuerst emporleuchtend über der Finsternis, wie das Morgenrot, das den kommenden Tag verkündet, dann bald von goldenem Sonnenglanze umflossen, bald wiederum wie des Mondes Schein die Nächte durchstrahlend, mit hochgeschwungener Fahne unermüdlich in die Zukunft dahinwandelnd? Ja das ist das alte Gottesvolk, das ewig ist jung geblieben durch die Kraft der Wahrheit,