Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-04-01 · Heft 4 (1.4.1896) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 4 (1.4.1896)
Date
1896-04-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969823-2969828--4732-2974006
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Treue und gestillter Sehnsucht, von gereiften Hoffnungen und beglückenden Segnungen erzählt das Fest, das durch acht Tage sich hindehnend, uns sowohl die Erlösung Israels aus dem Lande seiner Knechtschaft, wie auch die Leidenszcit die mit ihr geendet, veranschaulichen und vergegenwärtigen will. Jenes Lied — und dieses Fest — sie gehören zusammen, es ist derselbe Odem, der sie durchweht, es ist dieselbe Sprache, die sie reden, es sind dieselben Gefühle, die sie in uns wecken, es sind dieselben Erinnerungen, die sie in unserem Bewußtsein Hervorrufen, das eine ist der Dolmetsch des andern und was das Fest durch den Mund der Geschichte uns verkündet, das will das Lied mit den Worten des Dichters uils zu Herzen führen. Worauf die Festzeit unseren Blick besonders hinlcnkt? welche Betrachtung sie zunächst von uns fordert? Es braucht wohl kauin gesagt zu werden, daß es das erlöste, und seit seinem Auszüge aus Ägypten auch mitten im Drucke das freigebliebene Israel ist, dessen erhabene bewundernswerte Gestalt sie uns vor Augen stellt. Und wie konnte diese schöner gemalt, treuer gezeichnet, lebhafter geschildert werden als mit den Worten des Sängers, der ans dem hohen Liede zu uns spricht, der mit Staunen zu ihr emporblickend, den Ausruf nicht unterdrücken kann: „Was ist das für eine hehre und wunderbare Erscheinung, die wie Morgenrot emporsteigt, des Mondes milden Glanz mit der Sonne Hellem Licht vereint und mit hochgehobener Fahne ans ihrer Bahn sicher dahinwandelt." Ja wohl! Wie aus dem Reiche der Schatten, das auf den Gefilden der Nacht sich ausgebreitet sich mit immer wachsendem Glanze das liebliche Morgenrot erhebt, so hat Israel mit dem Auszuge aus Ägypten aus der Finsternis sich erhoben, die in jenen Zeiten weithin die Welt des Geistes bedeckte. Aber noch mehr, es hat seitdem das Licht, das ihm den Weg der wahren Freiheit gezeigt, nicht verloren und aus Händen gegeben. Die Lehre der Wahrheit, die in seinem Herzen wohnte, war ihm der Mond, der in den finsteren Leidensnächten ihm die Pfade des Lebens erhellte, ist als eine Sonne des Lichtes ihm erschienen, wenn es zu den Höhen der Macht und des Ansehens war emporgelangt, sie ist die Fahne, der es gefolgt und treu geblieben, unter der es stets kämpfen, stets siegen wird, wenn auch die Mächte der Finsternis in ihrer ganzen furchtbaren Rüstung sich ihm neuerdings entgegenstellen. Dieser ebenso erinnernngsreichen als verheißnngsvollcn Lehre des Freiheits-Festes, die wir in den Worten des hohen Liedes sinnbildlich ausgedrückt finden, gelten unsere Betrachtung. In die Tage unseres Altertums, in die Jugendzeit Israels, in den Frühling seines Daseins führt das Fest uns zurück, das wir alljährlich im Frühlings monate Nissan freudig und feierlich begehen. Als Israel noch ein Kind war erzählt es uns, da mußte es schon den Haß seiner Brüder ertragen, als es noch kaum war dem Hause seiner Ahnen entwachsen, da mußte es schon unter das Joch der fremden Gewaltthäter sein Haupt beugen. Aber eben damals in der Schule der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.