Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1895)
- Date
- 1895-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Nur eine kurze Spanne Zeit trennt uns von den erhebenden Erinnerungsfesten, die im ganzen deutschen Vaterlande jedes patriotisch fühlende Herz höher schlagen machten, aber uns Juden zugleich die bittere Gegenwart empfinden ließen! Als in jenen vergangenen schweren Zeiten, das Vaterland bedroht war, als der Ruf zu seiner Verteidigung erscholl, wie einmütig standen Alle zusammen, ob Christ ob Jude, diesem Rufe mit Begeisterung zu folgen! Auch heute m. H.! wird kein Jude zurückbleiben, wenn der Ruf von Neuem erschallen müßte, mit derselben Begeisterung wird er Gut und Blut einsetzen, wenn es dem Vaterlande gilt, obwohl ihm in der Zwischenzeit gar häufig das Leben verbittert worden ist, obwohl man ihm das Vaterland streitig machen will, obwohl man ihn zum Fremdling stempeln möchte, obwohl man ihn rechtlos und vogelfrei zu machen sucht! Und ich frage mit welchen Mitteln sucht man diese Ziele zu erreichen? Jedem ehrenhaften Menschen, sei er Christ oder Jude, mag er konservativ oder demokratisch gesinnt sein, muß die Schamröte ins Gesicht steigen, wenn er sieht, welche Elemente sich hervorwagen eine führende Rolle zu spielen, vorgeben das Recht zu vertreten, die Sitte zu schützen, die Moral zu heben, Menschenliebe zu bethätigen, Patriotismus zu fördern, welche alle durch uns Juden beeinträchtigt würden! Man wirft uns vor, daß wir schon durch unsere religiösen Vorschriften, durch die mosaische Gesetzgebung unfähig seien, die Tugenden, durch welche sich das Christentum auszeichne, auszuüben, daß wir nicht geeignet wären, gute Bürger, pflichttreue und sittsame Menschen zu sein und was alles noch gerade dem Zwecke dient! Heute bekämpft man die Rasse, morgen die Religion! Und da m. H.! glaube ich verlohnt es sich doch einmal der Mühe die mosaische Gesetzgebung etwas genauer anzusehen, zu prüfen ob ihr denn wirklich diese Mängel anhaften! Gerade unsere Zeit, in der sich die Lösung großer Probleme vorbereitet, veränderte Lebensanschauungen nach Geltung ringen, ist auch dazu antzethan, Rückblicke zu werfen in eine vergangene Epoche, um zu beurteilen, wie in derselben die gleichen Fragen — die seit Bestehen der Welt mehr oder minder immer hervorgetreten sind, und solange dieselbe besteht auch nicht verschwinden werden — behandelt und einer Lösung entgegenzuführen versucht worden ist! Um die mosaischen Gesetze und Vorschriften zu besprechen, halte ich es nicht nötig auf deren Entstehung einzugehen. Wir nehmen an und glauben, oder sollen doch glauben, daß solche von Gott Moses gegeben, und von diesem dem Volke verkündet worden sind. Wir wollen hier weiter nicht darauf eingehen, für den Zweck unseres Vortrages genügt es, daß diese Vorschriften überhaupt gegeben, daß sie vorhanden und als Gesetze uns überkommen sind. Dabei müssen wir festhalten, daß die ganze mosaische-Gesetzgebung enge in einander greift und sowohl soziale wie hygienische, als auch sittliche und civilrecht-