Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 72 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Ort derselben durfte er nicht verlassen. Am 19. Jjar 5053 fand R. Me'lr durch den Tod Erlösung und die jüdische Gemeinschaft sank in tiefe Trauer. Er hat ein Alter von 78 Jahren erreicht. Die Leiche blieb unbestattet im Gefängnis 13 Jahre hindurch. Im Jahre 1297, dem vorletzten Regierungsjahre Albrecht's, der viel Gold zu seinen Kriegen in Thüringen nöthig chatte, wurde das Auslösilngswerk der Leiche durchgeführt und dieselbe im 14. Jahre nach dem Tode nach Worms gebracht und am 4. Adar 1307 begraben. Verdient um die Loskaufung der Leiche hat sich ein Frankfurter Büßkind Alexander ben Salomo mit dem Familiennamen Wimpfen gemacht, der nur wünschte, nach seinem Tode seine Grabstätte an der Seite R. Me'irs finden zu dürfen. Am Versöhnungstage 1307 starb Wimpfen in Frankfurt a. M. und wurde am 11. Tischri in Worms an der Seite Me'irs begraben. Nun möge in unserem Referate über das gediegene Buch Backs, das wir unseren Lesern empfehlen , noch einiges zur Charakteristik R. Me'irs folgen. Er fand nichts unreligiöses darin, wenn man ohne Kopfbedeckung war und nennt das Gegenteil Ueberfrömmigkeit — das mögen sich besonders die Käppchenhelden uuserer Pseudoorthodoxie merken. Hat eine Frau ein Gelübde gethan, nicht zu tanzen, nicht zu singen, keinen Gesang zu hören, keine buntfarbigen Kleider zu tragen, so sieht er darin ein für das weibliche Wesen peinliches Gelübde, gegen das der Mann berechtigt ist Einspruch zu erheben. Er gestattet den Gebrauch des Fächers am Sabbath zum Vertreiben von Fliegen und das Tragen eines Spielringes am Sabbath, in dem dllrch eine innere Vorrichtung Töne erzeugt wurden, das Tragen eines silbernen oder goldenen Schlüssels am Ende des Gürtels zur Öffnung des Schlosses, auch von Ketten zum Schutz gegen das böse Auge. Er gestattet, am Sabbath Strohhalme zu zerbrechen, um die Zähne zu reinigen und das Erbrechen des Schrankes, wenn man darin befindliche Gegenstände brauchte. Er erlaubt, was in Deutschland nicht gestattet war, am Sabbath die Öfen durch Nichtjuden Heizen zu lassen. Auch erlaubt er. sich am Sabbath durch eine christliche Magd ungeheißen leuchten zu lassen. Bei dieser Gelegenheit ist in seinen Werken auch der Name einer christlichen Magd Hudrun, wofür Gudrun zu lesen ist, erwähnt. Er aß zur Erinnerung an die Opferung Jsaks in der ersten Nacht des Neujahrs vom Kopfe des Widders und scheute sich nicht, Nüsse an diesem Abend zu essen, was andere nicht thaten. — Inhalt: Unser Wirken im Geiste der Propheten. Aus einer Rede, gehalten von Herrn Rabbiner Dr. N. Brüll s. A. — Theismus und Naturforschuug in ihrem Verhältnis zur Teleologie. Bon Rabbiner Dr. I. Stier, Berlin. (Fortsetzung). — Ein katholischer Priester gegen die Antisemiten. — Monatsschau. — Theater, Musik und bildende Kunst. — Referate und Mitteilungen. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner Dr. Adolf Brüll; in Kommission für den Buchhandel bei Franz Benjamin Auffarth; Druck nnd Inserat-Annahme: H. L. Brönner's Druckerei (F. W. Breidenstein), sämtlich in Frankfurt am Main.