Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 287 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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287 Hleferate und Witteitungen. Ernste Plaudereien über die Judensrage. Erlebnisse, Geständnisse und Vorschläge eines germanisierten Talmudjuden, Berlin, Wilhelmi 1893. Wieder ein Werk, das die so oft behandelte und ganz erschöpfte aber noch immer nicht aus dem Leben gewiesene Judenfrage behandelt, und fügen wir es hinzu, mit Geist und Geschick behandelt. Neues läßt sich über das Thema allerdings nicht sagen, aber die Hülle, in der eine so vielfach besprochene Frage wieder vor uns erscheint, ist sehr interessant. Der sich nicht nennen wollende Verfasser thut, als ob er bei einem Glas Bier und einer guten Cigarre über diese ernste Frage gemüthlich plauderte und diese Ungezwungenheit, dieses Aper^uartige verleiht der Arbeit einen besonderen Reiz. Einige neue Gesichtspunkte hat der Verfasser dem Thema doch abgewinnen können und dies verleiht dem Buche einen besonderen Wert. Wir begnügen uns einfach damit auf das Kapitel des Wuchers hinzuweisen, wo diese Frage auf einer in national-ökonomischer Weise sehr wichtigen Art beleuchtet wird. Um aber ans den Eindruck, den Nutzen, den das Buch haben kann, hinzudeuten, stelle ich ein altes Gedicht her: „Seht einen Juvenal, der Vorwelt Geißel an Was hat sein Schreiben ihm und der Welt gethan. Er schrieb — Rom las und schwelgte fort. Was damals Rom that, thut heut' ein jeder Ort. Dr. Gl. Erschien da jüngst zu Berlin eine Broschüre: „die ethische Bewegung im Judentum. — Ernste Gedanken eines Modernen". „Modern", welch' ein Zauberwort für den, der etwas aufmerksam das geistige und künstlerische Leben der Gegenwart verfolgt! Nietsche und Hauptmann, die Bannertäger „des Modernen," fielen mir ein, als die erwähnte Schrift zuerst in meine Hände gelangte; manch' anderen tüchtigen „modernen" Mannes mußte ich dabei gedenken. In diesen Kreisen glaubte ich den Verfasser dieses Merkchens mit dem vielversprechenden Titel suchen zu müssen. — Voll freudiger Erwartung begann ich zu lesen; denn es verspricht ja jener „Moderne" dem Leser „Gedanken" und dazu noch „ernste", das ist viel heutzutage. — Aber welche Enttäuschung mußte ich erleben. Der Mut ist zu bewundern, mit einer Schrift, die in einem so entsetzlich schlechten Deutsch abgefaßt ist und eine solche Menge geschraubter, verworrener Satzbildungen enthält, in die Oeffentlichkeit zu treten. „Gedanken" hat der Verfasser zwar hier und da, das sei anerkannt, aber er stellt die seltsamsten, heterogensten Dinge meist so unvermittelt und oft auch so wenig logisch nebeneinander, daß es selbst für den anfmerksamen Leser manchmal eines gewissen Studiums bedarf, um herauszufinden, was eigentlich der Autor wohl gemeint haben könne; sehr oft wird er — das ist wenigstens der Eindruck, den das Werkchen auf mich machte — selbst nicht genau gewußt haben, was er sagen wollte; geklärt erscheinen jedenfalls die einzelnen Ideen nicht. Der Verfasser will, nach dem Titel, den er seiner Schrift gegeben hat, die ethische Bewegung im Judentum schildern; jeder Mensch, der auch nur durch flüchtige Zeitungslektüre mit der Gegenwart in Kontrakt steht, hat von der deutschen Gesellschaft für ethische Kultur etwas vernommen. Ihre Bestrebungen etc. werden allgemein kurz gekennzeichnet mit den Worten: „die ethische Bewegung". Dieser Ausdruck hat sich in dem angegebenen Sinne überall schon völlig eingebürgert. Was ist aber der Inhalt der Broschüre unse'res „Modernen"? Eifrig wird da ein tendenziöses Loblied den Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur gesungen und offen das Bekenntnis abgelegt, daß dieselben nur als