Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- - 266 - ligen, gelobt sei er. Hub in der That, es ist gar wunderbares Licht, das in des Abends Dämmerung wie Heller Morgenschein durch unsere Seele wogt, und es sind gar ergreifende Töne, die wie Klänge aus der ewigen Heimat durch alle Saiten unseres Herzens rauschen, und es sind gar gewaltige Gegensätze in der Auffassung unseres Lebens, die heilte so nahe aneinander gerückt werden, obwohl sie so verschieden sind, wie der Tag, der von uns scheidet, und wie die Nacht, die zu uns herniedersteigt. Sonst das lärmende Gewühl der Welt, die rauschende Flut des Alltagslebens, ein unaufhörlicher, nie endender Kampf, jeder Mensch ein Krieger, der im heißen Gefechte um sein Dasein ringt, die ganze Erde e^n Schlachtfeld, auf der tausende von Streitscharen einander gegenüberstehen, stets von neuem ausnehmend, den reißenden Wettlauf, das wirre Handgemenge, um der eitlen Güter der Vergänglichkeit willen. Es steht da die Selbstsucht in eherner Rüstung, nach ihren Eroberungen jagt die Habgier, der Ehrgeiz stürmt seine Höhen, Heere von Leidenschaften folgen seinem gebietenden Willen, seine Waffen schmiedet der Neid, seine Schwerter wetzet der Haß und ihre Dolche zückt die Verleumdung. Aus den Hinterhalten, in denen die Arglist lauert, schwirren Pfeile des Verderbens hervor. Hier lautes Siegesgeschrei, dort stöhnende Klage, und über dies Treiben und Jagen rollt rastlos das Rad der Zeiten dahin, das endlich Alles, Alles mit seinen mächtigen Speichen zermalmt und fortreißt. Und heute, heute soll eine Andachtsstätte unsere Welt, soll ein Tag der Versöhnung die umschließende Mauer unseres Lebens sein, heute soll aller Kampf geendet, alle Zwietracht entflohen, aller Groll erloschen, alle Leidenschaft vertobt und entschwunden sein, wandeln sollen wir im Lichte des Herrn, Versöhnung ruft es ans den Höhen und Friede hallt es auf Erden wieder, und die Seele, die von Sorge und Schmerz umstürmt, sie soll sich wieder aufrichten im Lichtglanze der göttlichen Gnade und die Wunden, die Sünde und Ungemach uns geschlagen, sie sollen geheilt werden und hinwegschmelzen sollen wir mit dem Feuer der Buße die Schlacken unseres Herzens, auf daß das reine Gold edler Gesinnung in uns erstrahle in seinem vollen Glanze. M. A.! Lassen wir den Festesruf nicht leer verhallen in unserer Mitte. Laßt uns wandeln im Lichte des Herrn, denn das verleiht dein Herzen Kraft, dem Geiste Schwingen und bringt "uns die wahre Versöhnung, die die Erde mit all' ihren Gütern uns nicht dauernd zu geben vermag, llnd auch mitten in die heftigen Kämpfe des Tages, die uns gewaltig umtoben, wollen wir hineintönen lassen Stimmen der Liebe und des Friedens. Versöhnung, rufen wir inmitten einer kampfvollen Zeit und Liebe sei unser Losungslvort im Streite des Tages. Ob auch eine ganze Welt unser Leben und Streben verkennt und mißachtet, und uns mit Haß und Feindschaft begegnet, unser Beistand, unsere Hoffnung, unser Stolz und unsere Ehre ist der Herr, dem wir dienen mit allen Kräften unserer Seele und in dessen Lichte wir wandeln. Es fielen im Laufe der Geschichte schon gar viele Lichtsaaten aus unserer Mitte auf die öden Gefilde der Menschheit, die zu Sonnen der reinen Erkenntnis aufgingen, welche große Kreise erleuchteten. Ermüden wir nicht in unserem erhabenen Berufe der Menschheit voranzuleuchten in Thaten der Liebe und der Versöhnung, und lassen wir uns durch die schwankende Tagesmeinnng nicht beirren, die heute verdammt, was sie morgen verherrlicht. Kommt, laßt uns wandeln im Lichte des Herrn. Hüten wir in unserer eigenen Mitte treu und fest und unentwegt die heiligen Güter unseres Glaubens, dann wird der Ruf des Versöhnungstages, der heute in unserer Mitte erklingt, an uns zum Heile und zum Segen werden, verstummen