Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 233 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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233 der Münchener Universität ist der Privatdocent der Physik, Herr Tr. Leo Graetz, zum außerordentlichen Professor ernannt worden. Graetz machte seine Studien an der Universität Breslau, bei der sein Pater, Heinrich Graetz (gestorben 1891), eine Professur für Geschichte bekleidete. — Bleichröders Testamentsvollstrecker hat dem Magistrat in Berlin mitgeteilt, daß das Testament ein Kapital von 1,000,000 Mark zur Gründung einer Samuel Bleichröder-Stiftnng für hilfsbedürftige Kranke und Rekonvalescenten auswirft. — Ter Rektor der Berliner Universität Herr Professor Birchow hat am 3. August beim Festacte zu Ehren des Geburtstages Friedrich Wilhelm II den Antisemitismus mit folgenden Worten verurteilt. „Unsere Zeit, die in ihrem wissenschaftlichen Gefühl so sicher und siegesfroh ist, übersieht ebenso leicht, wie die frühere Zeit, die mystischen Regungen, welche von einzelnen Abenteuern in die Volksseele getragen werden. Noch steht sie ratlos vor dem Rätsel des Antisemitismns, von dem Niemand weiß, was er eigentlich will, uiib der trotzdem, vielleicht auch deshalb fascinirend selbst auf die gebildete Jugend wirkt. Bis jetzt hat man noch keine Professur des Antisemitismus gefordert, aber es ivird erzählt, daß es schon antisemitische Professoren gebe. Wer die Geschichte der Naturphilosophie in ihren radikalsten Ausläufern kennt, der ivird über solche Erscheinungen nicht erstaunen. Der menschliche Geist ist nur zu sehr geneigt, den mühseligen Weg des ordnnngsmäßigen Denkens zu verlasseil und sich in träumerisches Sinnen zu versenken. Davor schützt nur, um mit Schnckmann zil reden, der gesunde Menschenverstand, und wer diesen durch eine fehlerhafte Erziehung verloren hat, der kann sich nur retten durch Gewöhnung an strenge empirische Arbeit. Man niuß sich eben daran gewöhnen, das Unbekannte von dem Bekannten aus zu erklären, aber nicht umgekehrt, das Dunkle und Unbekannte, gleichsam als wäre es eine neue Wahrheit, zum Ausgangspunkte phantastischer Schlußfolgerungen zu wählen." — Der zu Besuch iuJnowraclaw anwesend gewesene Erzbischof v. Stablewski aus Posen empfing auch den Besuch des Herrn Rabbiners Dr. Kohn, bei welchem er sich sehr angelegentlich nach den Verhältnissen der dortigen Gemeinde erkundigte und nach sonstigen Einrichtungen derselben. Herr Tr. Kohn richtete an den Herrn Erzbischof in Anwesenheit mehrerer Geistlichen, >vie des Bischofs, des Probstes u. A., eine Ansprache, die der Erzbischof in äußerst toleranter, vom Geiste wahrer Nächstenliebe getragener Weise erwiederte. Die inhaltsreichen und bedeutungsvollen Worte des Herrn Erzbischofs gipfelten in dem Satze: „Das Christentnm ist eine Religion dev Liebe, wir sind daher den Israeliten Liebe schuldig, lind möge da kommen, was da »volle, rechnen Sie auf der Pflichterfüllung der Katholiken in meiner Diözese nach dieser Richtung hin, zu jeder Zeit." — Dem am 16. Juli verstorbenen katholischen Probst Maximilian v. Lukaszewicz widmete die jüdische Gemeinde in Pose» einen besonderen Nachruf, in dem es am Schlüsse heißt: „Die jüdische Geineinde Hierselbst betrauert in dem Entschlafenen einen von ihr allezeit hochgeschätzten, edeldenkendeu, gütigen Gönner, dessen Wohlwollen sie sich jeder Zeit versichert halten durfte. Sein unvergeßliches Andenken werden wir stets in hohen Ehren halten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde." — Anläßlich der Einweihung der neuerbauten katholischen Kirche weilte Herr Bischof Dr. Haffncr aus Mainz einige Tage in Dieburg. Der hochwürdige Herr sagte zu einer jüdischen Deputation unter Anderem: „Ich freue mich außerordentlich, daß hier in Dieburg Friede und Einigkeit zu Haufe sind und wünsche und hoffe, daß es stets so bleibe. Das heutige Fest besiegele diesen Frieden noch mehr, so daß wir sagen können: Wir sind ein einig Volk von Brüdern." In demselben Orte wurden bald daraus 38 Grabdenkmäler auf dem israelitischen Friedhöfe in roher Weise umgestürzt und