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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-09-01 · Heft 9 (1.9.1893) · p. Seite 194

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 9 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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— 194 — „Whoiclno decheischinon l’Machschefos“. Es ist jetzt eine Zeitz wo man auch Zauberei zu besorgen hat (Sab. 10). Es ist wohl darunter zu verstehen, daß diese Manie die Menschen ergriffen hatte. So heißt es auch (Soserim P. 15): „Hakscheroh sche-Banoschim imlas Keschofim”, die würdigste unter den Frauen läßt sich von Zauberei beherrschen, damit ist wohl angedeutet, daß der Glaube an Zauberei sich meist bei dem schwachen Geschlechte eingebürgert hat- Daher wurde es in Israel in früheren Zeiten, und wohl noch heute hie und da auf dem Laude eine religiöse Sitte, daß bei der Geburt eines Knaben in der Nacht vor dem Beschneidungstage eine Wachnacht gefeiert wurde. Es versammelten sich bei der Wöchnerin der Pathe des Kindes, der Mohel, der Schächter, mehrere Talmudgelehrte, die bis nach zwölf Uhr, der sogenannten Geisterstunde, Wache hielten, damit nicht irgend eine Zauberin sich einschleiche, dem Kinde einen Schaden zufüge, oder gar der Mutter es entwende. Aus diesem Grunde wurden auch zur Vorsicht in dem Zinimer der Wöchnerin an Fenster und Thüren sogenannte „Kindbett-Briefchen" angebracht, worin ein Schutzkapitel aus den Psalmen verzeichnet war, und mehrmal der Spruch: „M’chascliefn lo sechaje“, eine Zauberin soll nicht am Leben bleiben, dazu verschiedene Engelnamen. Und dieser Aberglaube hatte so feste Wurzel gefaßt, daß man die Wachnacht als eine religiöse Einrichtung betrachtete. Schreiber erinnert sich noch lebhaft, als Kind im Elternhause bei einer solchen Gelegenheit eine Erzählung von einem alten und würdigen Mann vernommen, der folgendes ebenfalls als Kind bei einer Wachnacht selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen zu haben vorgab. Um die Mitternachtsstunde sollen nämlich zum Schrecken aller Anwesenden durch eine Spalte der Zimmerthüre sich fünf Strohhalme durchgedrängt haben. Es war ein Glück, daß der beherzte anwesende Schächter mit seinem scharfgeschliffenen Messer die fünf Strohhalme abgehauen, und Schreck und Wunder! es lagen fünf Menschenfinger auf der Erde, die Finger einer Zauberin. Wir halten diesen Mann, den wir persönlich kannten und achteten durchaus für keinen Lügner, erklären uns aber die Sache psychologisch so. Der Mann hat ebenfalls als Kind bei einer solchen Wachnacht eine derartige Erzählung gehört, die sich unbewußt in seiner kindlichen Phantasie so festgesetzt hat, daß er in späteren Jahren glaubte, diesen Vorfall mit eigenen Augen gesehen zu haben, eine Art optische Täuschung. Welche schädliche Folgen aber konnte nicht solch ein Aberglaube bei schwachen Frauen herbeiführen, die ohnehin zum Aberglauben Hinneigen und voll Furcht und Angst waren, ihr Kind könnte ihnen von bösen Mächten und zauberischen Gewalten entrissen werden. Schlaflose Nächte und böse Träume raubten ihnen die nöthige Ruhe. Gott sei Dank, diese Zeiten sind vorüber, aber ganz geheilt ist Israel, überhaupt die Menschheit, noch nicht vom Aberglauben und Vorurteil, sie spucken noch immer besonders in den unteren Volksschichten, und giebt es noch genug Finsterlinge, die das Volk in ihrem eigenen Interesse darin bestärken. Es ist die Aufgabe der Reform, der Männer des Fortschrittes und der Aufklärung, der Lehrer und Prediger, dahin zu wirken, daß dieser Krebsschaden endlich radikal geheilt werde.

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