Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-01-01 · Heft 1 (1.1.1893) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 1 (1.1.1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969795-2969797--3750-2973302
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

11 er noch in den Gassen von Separowize umherlief und das Cheder besuchte, und er freute sich, wenn Nathanle sich besonders witzig anstellte, und der Schabernack recht gelang. Und bekam Nathanle nachträglich einen Verweis, dann tröstete ihn der alte Burschtin, und bekam er selbst Vorwürfe seines Enkels wegen, zuckte er nur die Achseln und lachte still in sich hinein. Eines Tages fanden sie ein Mädchen, Blümle Lublin, weinend an einem Feldrain sitzen. Großvater und Enkel erkundigten sich teilnehmend nach ihrem Leid. Sie erzählte, daß Mosche Stern, ihr Oheim, einen großen Gewinn in der Lotterie gemacht habe- Er wollte Masser geben, indem er das Krankenhaus beschenkte. Er beabsichtigte es, weil er sich groß machen wollte, wie Blümle sagte, aus Eitelkeit, weil er wußte, daß sein Name dann in der Zeitung genannt werde. Warum gab er das Geld nicht lieber ihr? Sie könnte damit heiraten. Seit drei Jahren schon warteten sie, Blümle und ihr Verlobter Simon, mit heißer Sehnsucht auf den Tag, wo sie sich den eigenen Herd begründen könnten. „Trockne deine Thränen," sprach Nathanle, „dir soll geholfen werden." Und noch am selben Tage kam der Kleine zu Mosche Stern und sprach: „Hören Sie, mir ist Rabbi Loew begegnet und hat mir einen Gruß an Sie aufgetragen." „Wie kann dir Rabbi Loew begegnen und dir einen Gruß an mich auftragen?" erwiderte Mosche Stern, „ist er doch schon lange tot, Du Taugenichts!" „Und doch ist er mir begegnet," fuhr Nathanle fort, „und hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß Sie sollen Masser geben nicht dem Spital, sondern Ihrer Nichte, Blüinle Lublin, damit sie kann Hochzeit machen." „Das werde ich wohl bleiben lassen," rief Mosche Stern. „Das hat Rabbi Lorw auch gesagt, nnd dann hat er noch gesagt, er will Ihnen dann einen Massik senden, der Sie so lange nachts quälen soll, bis Sie Blümle das Geld geben." Mosche Stern blieb bei seiner Weigerung, aber die Geschichte ging ihm trotzdem im Kopf herum. Zwei Nächte gingen ruhig dahin. In der dritten erwachte Mosche Stern plötzlich über ein seltsames Geräusch, und zu gleicher Zeit steckte seine Frau den Kopf unter der Decke hervor. „Hörst Du?" murmelte sie, „der Massik, den der Rabbi Loew geschickt hat." — Und wirklich, es ließ sich deutlich ein Schritt vernehmen, der langsam durch die Stube tappte, auf und ab, ruhelos. Mosche Stern zog die Decke über den Kopf uud sprach alle möglichen Gebete, die ihm nützlich schienen, aber es half alles nichts. Der Spuck währte fort, bis der erste fahle Strahl des Tages durch das Fenster brach. Und so wiederholte es sich Nacht für Nacht. Vergebens beriet sich Mosche Stern mit den Rabbinern und anderen schriftgelehrten Männern, sie wußten keinen Rat als den einen, daß er Rabbi Loew gehorchen müsse. So gab denn Mosche Stern endlich nach, zahlte Blümle das Geld aus, und die glücklichen Verlobten konnten Hochzeit halten. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.