Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 9 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 erster Lehrer gewesen, der ihn in die hebräische Sprache und in die biblische und nachbiblische Literatur der Juden eiufiihrte. Doch verhältnismäßig früh schon wurden Samuel Adler und seine jüngeren Geschwister vaterlos. Rabbi Jsaac Adler starb, wie ans dem mir vorliegenden Wormser „Memorbnch" ') zu entnehmen ist, am 9. Tebeth 5583, d. i. am 23. December 1822. Zunächst auf den Gymnasien seiner Vaterstadt Worms und der Stadt Frankfurt a. M. und auf der Jeschibhoth daselbst (d. h auf de» jüdischen Talmudschuleu, die in jener Zeit noch bestanden) setzten der junge Samuel Adler und mit ihm sein, dem Leben und der Wissenschaft allzufrüh entrissener, genialer Bruder Jacob ihre allgemeinen und ihre speciell talmndischen Studien fort, und nach Absvlvirung der Gymnasialklassen besuchten die Brüder die Universitäten in Bonn und in Gießen. Von der letzteren hat Samuel Adler das Diplom eines Doktors der Philosophie erhalten. Seine erste amtliche Stellung war die eines Predigers in der jüdischen Gemeinde seiner Geburtsstadt. Als solcher war er dem greisen Rabbiner Jacob Bamberger beigeordnet, und indeß der alte Rabbiner Bamberger, welcher mit seinem Denken und Empfinden und seiner religiös-jüdischen Lebensführung ganz in dem Judenthum des vorigen Jahrhunderts wurzelte und lebte, entfaltete vr. Samuel Adler als Prediger und als Leiter der Religionsschnle eine gar segensreiche reformatorische Thätigkeit und forderte Licht und Aufklärung — Aufklärung im besseren Sinne des Wortes — in nachhaltigster Weise. Roch heute erinnern sich Wormser Juden — und viele davon leben ja nun in den Ver. Staaten — mit Liebe und Dankbarkeit des von Adler empfangenen Unterrichtes und der von Adler empfangenen Anregungen. Jni Jahre 1842 wurde Adler zum Distriksrabbiner für Alzei und seine Umgebung erwählt, und als solcher fungirte er etwa fünfzehn Jahre lang — bis 1857. In weit höherem Maße noch, als es ihm in Worms möglich war, setzte er hier seine jüdisch reforniatorische Thätigkeit fort. In Besonnenheit, aber mit stetem und vollkommenem Blick auf die Höhen, denen er entgegenstrebte, bahnte er die Wege zu einer Reformirung des jüdischen Kultus, seinem Wesen und seiner Form nach, und die Alzeier jüdische Gemeinde galt bald als eine der fortgeschrittensten in ganz Deutschland. Es konnte nicht fehlen, daß der so still und geräuschlos und dabei so tief eindringend wirkende Rabbiner in Alzei bald weithin Anerkennung sich erwarb Sein Name wurde früh schon außerhalb Deutschlands mit hohen Ehren genannt. Beweis dessen sei folgende Thatsache: In Lemberg der Hauptstadt Galiziens, hatte sich unter dem dortigen gebildetern Theil der jüdischen Bevölkerung um jene Zeit der von Deutschland ausgegangene Reformgedanke mächtig Bahn gebrochen. Dieser zahlreiche, theilweise durch solide Bildung ganz ausgezeichnete Theil der Leinberger Judenschaft, hatte sich einen eigenen Tempel mit einem reformirten Kultus eingerichtet, und als es nun galt, einen geistigen Führer zu erwählen, da — richtete man seine Augen allgemein auf Alzei. Adler kam auf erhaltene Einladung im Frühjahr l) Das Wormser „Memorbuch" ist ein in hebräischer Sprache angelegtes und bis auf unsere Zeit fortgeführtes Verzeichniß hervorragender Männer und Frauen der jüdischen Gemeinde und ihrer Sterbetage (5s reicht bis in’S elfte Jahrhundert hinauf und ist in vielen Beziehungen ein sehr interessantes geschichtliches Dokument. Vor vier Jahren wurde es nach einer in Worms vorgenommen Abschrift durch A. Berliner dem Druck übergeben.