Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1891)
- Date
- 1891-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Gedenkötätter zuV Erinnerung an Ar. Weyernias WrüN'. i. Tief erschüttert teilen wir den Lesern die Tranerkunde von dem Hinscheiden des Herrn Dr. Nehemias Brüll mit! Es ist keine Redensart, wenn wir sagen, daß der dahingeschiedene Lehrer in Israel nicht so bald wird ersetzt werden. „Eine Bundeslade wurde aus der Mitte des Jndentnms Hinweggenomnien", ein glänzender, hell leuchtender Stern am Himmel der Wissenschaft ist untergegangen. Er war ein Enkel des seeligen mährischen Landesrabbiners Nehemias Trebitsch und ein Sohn des seeligen Rabbiners Jacob Brüll in Kojetein. Vom Großvater hatte er ein staunenswertes Gedächtnis, vom Vater Scharf- und Tiefsinn geerbt. Er war nicht bloß einer der bedeutendsten Rabbiner und Gelehrten der Gegenwart, sondern aller Zeiten. Seine Leistungen auf talmndischem und rabbinischem Gebiete weisen ihm einen Ehrenplatz in der Reihe berühmter Talmndisten an, seine Arbeiten ans dem Felde der jüdischen Geschichte und Litteratnr unter den großen wissenschaftlichen Forschern. Er hatte eine Belesenheit in der jüdischen Litteratnr, wie nur wenige, und bekundete einen eigentümlichen Scharfsinn, wie kein zweiter Gelehrter der Gegenwart. Apokryphen, Bibel, Halacha, Casuistik, Response», Geschichte, Philologie, Poesie, jüdisch-deutsches Schrifttum, überall war er heimisch und bereicherte durch Forschungen die Wissenschaft. Die Jahrbücher, welche er heransgegeben und fast ganz geschrieben hat, sind reiche litterarische Fundgruben, kostbare Wissensschätze in sich bergend. Das große Werk des großen Meisters Leopold Zu nz war er berufen in zweiter, vermehrter Auflage herauszngeben; iver kann an seine Stelle treten? Er starb im 48. Lebensjahre. Was hätte er noch geleistet, wenn ihm ein längeres Leben beschieden gewesen wäre! Er war als Lehrer in Israel ein Charakter, fest in seinen Ueberzengungen, treu seinen fortschrittlichen Prinzipien. Mit stolzem Bewußtsein rühnit sich die Lehranstalt „Lot Ii:r-Ui,1ru8<-b" in Wien, daß er daselbst lernte und lehrte. Die österreichische Provinz Mähren zählt ihn zu den größten Männern, die sie auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft hervorgebracht hat. Unvergänglich bleibt sein Name, unsterblich sein litterarischer Ruhm. Die Wissenschaft und das Judentum betrauern ihn und beklagen seinen frühzeitigen Heimgang. Nehemias Brüll ist tot, sein Andenken aber lebt fort, glänzend, strahlend, ruhmgekrönt! Dr. Ad. Jellinek