Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1891)
- Date
- 1891-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 sichtig nach allen Seiten hin abzuwägen, ob der Angriff, den man führt, nicht zu ungestüm, ob die Verteidigung, zu der man gezwungen ist, nicht die zulässigen Grenzen überschreitet. Wo wäre jemals eine große Bewegung freigeblieben von Leidenschaftlichkeit, von Einseitigkeit und Parteifanatismus. Wann hätten die Träger und Verkünder neuer Gedanken jemals ängstlich gezaudert, ihr Werk durchzuführen, aus Furcht zu verletzen und berechtigte Interessen zu durchkreuzen! Auf welchem Gebiete wäre jemals die bessernde Hand an die bestehenden Schäden gelegt worden, ohne daß gleichzeitig auch manches Gute dabei zum Opfer fiel! Und Niemand wird in Abrede stellen können, daß herrliche Errungenschaften die Früchte jener Bestrebungen und Kämpfe gewesen, daß durch sie namentlich der Gottesdienst von einem Wüste störender, die Andacht und Erbauung ertötender Elemente befreit worden ist und daß man selbst im gegnerischen Lager sich auf die Dauer den Forderungen nicht ganz hat entziehen können, die mit solcher Allgewalt sich geltend machten und die anfangs von Vielen als verderblich und unheilvoll auf das heftigste bekämpft worden sind. Noch wichtiger jedoch als diese äußerlich wahrnehmbaren Erfolge war die Wiedergewinnung großer Kreise, die der Sache des Judentumes fast entfremdet waren und die ihm wahrscheinlich gänzlich verloren gegangen wären, wenn nicht die Wahrnehmung, daß von Seiten seiner hervorragendsten Vertreter mit Ernst und Eifer an die Verbesserung seiner Formen, an die Abschaffung veralteter Mißbräuche herangegangen wurde, ihr Interesse von Neuem geweckt und ihnen den Beweis von der Freiheit» der Entwickelungsfähigkeit und der unverwüstlichen Lebenskraft der jüdischen Religion gegeben hätte. Es bleibt das unbestrittene Verdienst jener so vielfach verlästerten kühnen Reformer, der Abtrünnigkeit gewehrt, dem Verrat Einhalt gethan und den Glauben an den Fortbestand des Judentums neu begründet zu haben. Um dieses hohen Verdienstes willen darf nüt ihnen wegen Kleinigkeiten nicht gerechtet werden und ohne Zweifel wird die von Parteileidenschaft nicht mehr getrübte Nachwelt ihnen den Dank für ihre hervorragenden Leistungen auch uneingeschränkt zollen. Die Gegenwart freilich vermag ihnen nicht gerecht zu werden, sie ist wiederum in einen Zustand der Teilnahmlosigkeit geraten, der geradezu erschreckend wäre, wenn uns nicht die Hoffnung beseelte, daß auch dieser Zustand ein vorübergehender ist, und daß unsere Glaubensbrüder in nicht ferner Zeit — wenn sie erst das Verhängnisvolle des jetzigen Verfahrens erkannt haben — sich wieder ans sich selbst und auf ihre Pflicht besinnen werden. Der frische, fröhliche Kampf hat aufgehört, an seine Stelle ist ein todähnlicher Schlaf getreten, den man beschönigend mit dem Worte Frieden bezeichnet, der aber im Grunde Niemand befriedigt und Niemand befriedigen kann, weil ihm die Wahrheit, der Ernst, die Kraft und der Wille fehlt. Allenfalls geben sich mit diesem Zustande am ehesten noch die verbissensten Feinde des religiösen Fortschrittes zufrieden, die nunmehr mit einem Anscheine von Berechtigung sich als die einzigen, wahren und für ihren Glauben begeisterten Inden geberdeu können, und die auch in der That mit stolzer Überhebung ausrufeil: In unserem Lager ist Israel. Bei der großen Masse des Volkes aber, namentlich bei den Gebildeten sehen wir die Teilnahme ain religiösen Leben von Tag zu Tage mehr und mehr schwinden und erkalten, es regt sich in ihrem Innern kein höheres Empfinden für die erhabene Aufgabe des Judentumes, sie sind geblendet von dem, was in der Außenwelt Geltung hat, und die hat das Judentuni freilich nicht, sie haben