Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1891)
- Date
- 1891-02-01
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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30 alles Jüdische herabsah und kein Verständnis besaß für den trefflichen Kern, für die sittliche Hoheit und die lautere Wahrheit, welche die jüdische Religion in sich barg; — auf der anderen Seite die überfromme Sekte der Assidäer, die gegen alles Neue, auch wenn es vollberechtigt und der Entwickelung des Judentums förderlich war, ein unüberwindliches Mißtrauen hegte, die an den strengsten zermoniellen Satzungen nicht nur unverbrüchlich festhielt, sondern dieselben noch immer mehr verschärfte und die Kluft zwischen Religion und Leben, anstatt sie zu überbrücken, stetig erweiterte, die wohl bereit war, für den Glauben und die Sitten der Väter den Märtyrertod zu sterben, die aber beispielsweise zur Verteidigung des Glaubens und des Lebens am Ruhetage die Waffen zu führen sich weigerte, um das Sabbathgesetz nicht zu übertreten. Und zwischen beiden Parteien, zwischen Abfall und Starrheit, zwischen Verrat und Verknöcherung stand die große Masse des Volkes, ohne kraftvolle Führung, ohne zuverlässige, treue Ratgeber, unschlüssig und schwankend, wohin sie sich wenden sollte, gedanken- und willenlos in den Tag hineinlebend, klagend um den Verfall der Religion, aber ohne Mut und Vertrauen in die Zukunft blickend, nur von einem Wunder der Gottheit noch Rettung erwartend. Da erhob sich das edle Hasmonäergeschlecht unter Führung seines greisen Oberhauptes Mathathias und zog durch sein mit weiser Vorsicht und Mäßigung gepaartes thatkräftiges Auftreten die gleichgültigsten, ja selbst die widerstrebenden Elemente mit sich fort. Nach schweren, harten Kämpfen, nach unvergleichlichen Ruhmesthaten, welche die Bewunderung der Mit- und Nachwelt erregten, wurde das Heiligtum in Israel wieder fest begründet, und das auf dem Weiheleuchter brennende Licht des Glaubens, das seinen milden Schimmer in die dunkle Winternacht hinaussendet, kündet alljährlich von Neuem, daß, ob auch die Zeiten und Sitten gewechselt, die Flamme der Religion, die Flamme der Wahrheit und Sittlichkeit noch nicht erloschen ist in Israels Mitte, daß auch in unsere»» Tagen das Gedächtnis der Mackabäerhelden noch fortlebt in dein Herzen eines Teiles ihrer Nachkommen, sie spornend und mahnend, sie warnend und belehrend. Ja, hie und da lodert das heilige Feuer noch auf unseren Altären, ein Bruchteil unserer Glaubensbrüder hört noch auf die Mahnungen, die aus einer großen Zeit zu uns hinüberdringen; aber ach, »vie gering ist dieser Bruchteil, wie gering die Zahl der Gottesaltäre geworden! Gar ernste Gedanken sind eS darum, die bei dem Aufflackern des Chanukahlichtleins in unsere Seele einziehen; zu den ehrwürdigen Gestalten der Hasmonäer und der ihnen folgenden begeisterten Schaar, an deren Anblick »vir uns weiden, gesellen sich, so sehr wir uns dagegen sträuben, die trüben Bilder der Gegenwart, welche in so mannigfacher Hinsicht jenen Tagen ähnelt, die der makkabäischen Erhebung vorangegaugen sind, und die zu den traurigsten und verworrensten in der jüdischen Geschichte zählen. Und fragen wir, durch »vessen Schuld unsere religiösen Zustände in Verfall geraten sind, wer dazu beigetragen hat, daß das Heiligtum Israels so empfindliche Einbuße erlitten an festlicher Weihe: so kann kein Stand, kein Lebensalter, keine Partei sich sreisprechen, so niüssen alle einstimmen in das Wort der Schrift, das aus dem Wochenabschnitte des Weihefestsabbathes uns vorwurfsvoll entgegentönt : „Meiner Sünden gede»»ke ich heute." Als vor etwa einein halben Jahrhnndert in den bürgerlichen und gesellschaftlichen Zuständen der deutschen Inden sich allmählich eine völlige Umgestaltung