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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 2

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 gerichteten Schöpfungen unserer deutschen klassischen Dichter und Denker, eines Lessing, Goethe, Herder, Schiller, Kant, aus den Bestrebungen Voltaires, aus den mächtigen Umgestaltungen seines königlichen Freundes in Preußen hervorgegangen hat das neunzehnte Jahrhundert zum guten Teil die Verheißungen erfüllt, welche jene Geisteshelden und Propheten ihm in die Wiege gelegt. Für die Juden — mit Ausnahme freilich nur leider Rußlands und des Orients — war es der Anbruch der neuen Zeit, der Ausgangspunkt ihres Mittelalters. Langsam, aber doch stetig seit der französischen Revolution, lichtete sich ihr Loos, ward ihr Recht auf Leben und bürgerlichen Erwerb, ihr Recht ans Vaterland und Gleichheit, ihr Recht ans Entwicklung ihrer Geisteskräfte und deren Anwendung zum eignen lote zum Gemeinwohl, anerkannt. In Deutschland erkämpften sie sich, sei es als Freiwillige in den Heeren Preußens und Oesterreichs, sei es in den Nheinbuudstruppeu, ebenso wie ihre französischen Glaubensgeuosseu in den Schlachtreihen Napoleons, die langentbehrte Gleichberechtigung durch zumeist ungeforderte Ueberuahme und Erfüllung gleicher Pflichten. Sie erzielten in der Stein-Hardenberg'schen Gesetzgebung eine wenn auch allmählich wieder in Zweifel gestellte Förderung, in den vormaligen Rheinbuudstaaten freilich zunächst meist Enttäuschungen. Aber trotz vielfacher Mißerfahrungen und Mißerfolge — wie des deutschen Volkes in seiner freiheitlichen und verfassnugsniüßigen Entwickelung überhaupt — errangen die deutschen Juden in der ersten Hälfte des Jahrhunderts bürgerliche und staatsbürgerliche Rechte in dem Maße, in welchem der liberale Geist sich entwickelte. Mit seiner Znrückstauung in der Mitte des Jahrhunderts trübte sich auch ihr Geschick, mit seiner glänzenden Nenbelebung und Verjüngung im siebenten und achten Jahrzehnt — denn die Jahre 1866 und 1870 bedeuten nicht minder wie das Jahr 1848, das sie begründet und dessen glücklichere Fortführer sie waren, einen Sieg der Freiheit, so sehr das augenblicklich verhüllt wird und scheint — ward die Gleichberechtigung der Juden, ihr Recht auf Vaterland und freie Entfaltung zur vollen gesetz- und verfassungsmäßig begründeten Wahrheit. Allerdings zunächst nur zur theoretischen, denil die schon berührten Atavismen suchen thatsächlich und gesellschaftlich aufznhalteu und rückwärts zu drehen. Es mag ihnen das vorläufig auf kurze Zeit gelungen sein, für die Dauer ist der widrige Spuck mit den unwahren scheinbaren Gegensätzen nicht aufrecht zu erhalten. Unwahr sind die Gegensätze: deutsch und jüdisch, unwahr ist die Zusammenstellung lJdcntität von) deutsch und christlich, unwahr selbst (politisch und social gefaßt) der Gegensatz voll ch r i st l i ch und j üdi s ch. Christentum und Judentum sind geschichtlich Tochter- und Mutterreligion. Jede Religionzerfällt in Sitte n- und Glaubens lehren. Die Tochter hat von der Mutter das Sitteugesetz unverändert an- und anfgenommeii. Unverändert, denn die theoretischen Uebertreibungen der Bergpredigt, die Uebertrnnipfung der alttcstamentlich vorgeschriebenen Feindeshilf b e r e i t s ch a f t durch die ueutestamenllich gebotene, praktisch uualisführbare, auch nie anszuführen versuchte, kircheugeschichtlich in Scheiterhailfen, Hexeuprozesscn, christlich-socialen Gründungen, Jndenbekehrungsvereineu und Hetzschriften grell beleuchtete Feindesliebe ist keine Bereicherung des alten Sittengesetzes. In den Glaubenslehren, den Dogmen weichen allerdings beide Religionen von einander wesentlich ab, die Tochter verwandelte in Ailschmiegung an heidnische, insbesondere hellenistische Theo- und Philosopheme den jüdischen Monotheismus in eine Trinität von Vater, Sohn und heiligem Geist, bei der es oft schien, als solle der Sohn den

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