Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 283 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969782-2969794--3399-2972993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
283 andererseits die Encyclopädie veröffentlichte. Jules Simon." — Leroy Seaulieu in No. 28 der „liovue cts« rlenx incinckss" sagt: die Inden waren früher da, als wir Christen, sie sind alter als wir. Sie lehrten ihre Kinder viel früher die Thora lesen, als unser lateinisches Alphabet erfunden war, viel früher als Cyrillus und Methodius den Slaven eine Schrift gegeben lind die Germanen ihre Runen gekannt. Und trotz dieses hohen Alters, hat Israel sich jugendliche Frische und Kraft, entgegen aller sonstigen Erfahrung, bewahrt. Sein Lebenssaft ist nicht versiegt. Man versetze es nur aus dem mageren Bodeil der östlichen Ghetti in den reichen des Westens und es gedeiht zu neuer, kräftiger Entfaltung. Des Inden Kraft steckt weniger in seinen Armen, als in seinem Kopfe. Es giebt keine intellektuellere Rasse. Der Jude hat auch in allen Zeiten das Wissen und die Wissenschaft zu achten und zu lieben gewußt. Des heutigen Juden Vorfahren waren nicht nur Handelsleute, Geldverleiher und Makler, sondern auch Männer der Wissenschaft >md deren verständnisvollste Freunde. Nicht dem Reichtum, sondern der Wissenschaft wurde die höchste Wertschätzung bezeugt. Dem Geseheslehrer, dem Weisen, dem Gebildeten wurde die erste Stelle eingeräumt. Mehr noch als Handelsvolk war Israel stets das Volk der Wissenschaft. Es hat zwei Lehrmeister gehabt, die seinen Geist gebildet haben; die Notwendigkeit des Lebens, die es auf den Handel hiuwies und die Wissenschaft seiner Religion. Die Erstere hat die praktische Seite seines Verstandes bis zur äußersten Vollendung ausgebildet, die Letztere hat es befähigt theoretischen Spekulationen zu folgen, geistigen Studien sich hinzugeben und abstracte Wissenschaften zu Pflegen. Des Juden köstlicher Schatz waren seine Bücher, keines der vielen Autodafes, welche der Fanatismus dem jüdischen Stamme bereitet hat, erpreßte den Inden so viele heiße Thränen und Klagen, wie der Feuerstoß, auf welchem ihre Talmudrollen vernichtet wurden. Dem Juden galt der Weise mehr als der Fürst und ein gelehrter Bastard ging ihm vor dem ungelehrten Hohenpriester. Es giebt in dieser Gesinnung keinen schreienderen Gegensatz als denjenigen der barbarischen Franken und Gothen, welche Israel bedrückten. Man kann fast behaupten, daß alle Juden mehr oder weniger gelehrt waren, Analphabeten gab es fast gar nicht. Jeder Jude ist zum Studium der Thora verpflichtet. Der Unterricht war von jeher obligatorisch und so allgemein und geschätzt, daß das Gotteshaus „Schulegenannt wird. Und diese Wissenschaft, die Israel während der Dauer der vergangenen Generation so eifrig gepflegt, der Talmud, die Gemara mit ihren Halachoth und Aggadoth haben des Juden Verstand geschärft und sein ethisches Gefühl gebildet, mag man den Inhalt dieser Disciplinen auch noch so gering achten. Das Gewissen ist die Seele des Judentums; es wurzelt in der Thora; schon die Existenz Israels bestätigt dieses. Weil er ihr treu geblieben, weil er sie über Alles gesetzt, darum ist der Jude Jude geblieben. — Aus Paris schreibt man uns: In der ziemlich umfangreichen Abteilung Hebraien in der Nationalbibliothek existieren nur noch zwei, der jüdischen Litteratur gewidmete Bücherreien, die des rabbinischen Seminars und der Alliance Israelite Universelle. Die* Benutzung der letzeren ist leider durch eine durch nichts gerechtfertigte Verwaltungsroutine sehr erschwert. Man muß tags vorher brieflich die Bücher bezeichnen, welche mau zu benützen wünscht, obwohl die ganze Bibliothek in einem großen Saale und in zwei Nebenzimmern aufgestellt ist- Es ist leider kein Katalog der, wenn wir gut unterrichtet sind, 4000 Nummern umfassenden Bibliothek vorhanden, obwohl ein solcher von 24*