Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1889)
- Date
- 1889-12-01
- Page
- Seite 281 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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281 tragende der Legende entgegen, die das besonders zahlreiche Vorkommen der Juden in den slavischen Ländern — sie machen fast die Hälfte der ganzen Judenschaft der Welt aus — durch die besondere Toleranz der slavischen Rasse zu erklären versucht. Im Gegenteil, sie wurden hier ebenso geschunden und verfolgt, wie in den westeuropäischen Staaten. Die große Zahl der Juden in slavischen Ländern erklärt sich vielmehr daraus, daß hier zwei große Wanderströme zusammentrafen. Der eine kam mit den zahllosen Völkerwellen, die sich seit dem vierten Jahrhundert an der Ostküste Europas brachen, der Andere war der Begleiter der germanistischen Kolonisten, die vom 11. Jahrhundert ab nach Osten vordrangen und mitten in slavischen Landen sich ihre Siedelstätten mit eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit schufen. Diese beiden Ströme verschmolzen im Laufe der Zeit zu einem Ganzen, dessen Sprache jenes groteske Deutsch wurde, das uns so eigenartig berührt, wenn es einmal unser Ohr trifft. Als die deutschen Siedler dann unter dem Drucke slavischer Willkür ihre Nationalität einbüßten, kamen die Juden, die bisher mit ihnen in enger Gemeinschaft gelebt hatten, in nähere Berührung mit dem Slaventum. Und seit dieser Zeit erst datiert ihr Niedergang und ihr Verkommen. Denn, wenn sie auch durch den Druck zu engerem Zusammenschließen genötigt wurden, so hat doch erst die Berührung mit dem lasterhaften Sarmatentum den Geist der Verlogenheit und viele andere ethische Fehler, die man in bösartiger Verallgemeinerungssucht dem ganzen Judentum aufbürden will, in ihnen geweckt. — Am 9. und 24. Oktober, den Sterbetagen des Freiherrn Abraham von Gppenheim und der Freifrau Gharlotte von Gppenheim, eines jeden Jahres, gelangen in Gölu die Zinsen von je 150,000 Mark zur Verteilung, wovon die eine Hälfte an christliche und die andere an jüdische Arme verabfolgt wird. — Die Herren Architekten Gremer und Wolffenstein haben bei dem Wettbewerb der neuzuerbauenden Synagoge in Glogau den ersten Preis erlangt. — In Aachen hat das jüngst verstorbene Fräulein Sophia Aaruch der Stadt außer verschiedenen für das Museum bestimmten Gegenständen die Summe von 42,000 Mark vermacht zur Errichtung einer Stiftung, aus deren Zinsen alljährlich ein armes israelitisches Brautpaar von unbescholtenen Sitten ausgestattet werden soll. Der Bräutigam muß Handwerker und mindestens dreißig Jahre alt sein, die Braut fünfundzwanzig. Weiterhin bestimmte die Erblasserin 33,000 Mk. zu einer Stiftung für junge, unbescholtene mittellose Künstler, Graveure, Maler, Bildhauer u. s. w. — Die „Achawa", Verein zur Unterstützung hülfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrerwittwen und -Waisen in Deutschland, hielt am 19. Oktober ihre siebente ordentliche Generalversammlung in Frankfurt a. M. ab. Der Vorsitzende Herr Adolf Heblöe erstattete Bericht über die Entstehung und Entwickelung des Vereins, der nunmehr das fünfundzwanzigste Jahr zurückgelegt hat. Der Verein hat sich andauernd reicher Zuwendungen edler Menschenfreunde zu erfreuen gehabt, zu diesen gehören aus Frankfurt die Herren B. H. Goldschmidt, Leopold Beer, vr. Leopold Odrell, Freifrau M. C. v. Rothschild, ferner die Herren Rothfels in Kassel, Josef Meyer in Bingen, L. Friedmann in Mainz, S. Heßlein in Bamberg, A. Schwerin in Clausthal u. A. Gegenwärtig gehören dem Vereine an 840 Ehrenmitglieder (beitragende) worunter 446 in Frankfurt wohnen, und 289 aktive Mitglieder (Lehrer) an. Zuzüglich den Leistungen des Jahres 1889 wurden seit Bestehen des Vereins an Unterstützungen über Mk. 140,000 verausgabt, sein Vermögen beläuft sich auf Mk. 160,000. Der Antrag, den Eintritt nur bis zum 35. Lebensjahr (statt 40.) zu gestatten, wurde fast einstimmig abgelehnt. 24