Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1889)
- Date
- 1889-09-01
- Page
- Seite 208 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Bau befindlichen Anstalts-Synagoge seine Heimstätte finden. Specielle Kassen sorgen für die verschiedensten Zwecke der Ausbildung von befähigten Schülern. Auch der zahlreichen Gönner wurde dankend gedacht. Namens der beiden Kommissionen für die Schule und den Jugendgottesdienst überreichte hierauf Herr S. Oelsner dem Leiter der Anstalt, der bereits 1882 sein 40 jäfjrigeS Lehrerjubiläum gefeiert hat und nunmehr mit dem Jubiläum der Anstalt zugleich die Dauer der 25jährigen Direktion beging, ein kostbares Geschenk. Bereits vorher hatte ein Konnte ehemaliger Schüler der Anstalt den Jubilar in seiner Wohnung durch eine Adresse und durch ein wertvolles Angebinde beglückwünscht. — Der D. J. Gemeinde-Bund in Derlin versendet No. 23 der Mitteilungen. Dieselbe enthalten „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" welche wir in dieser Nummer zum Abdruck gebracht haben. Vorangeht die Geschichte ihrer Abfassung und ein Namensverzeichnis der 209 Männer, darunter 171 Rabbiner, welche durch ihre Unterschrift ihre Zustimmung zu demselben gegeben. — Der israelitische Oberrat von Kaden hat an sämtliche Synagogenräte einen Aufruf erlassen, um zum Zwecke der Hebung des Handwerks und des technischen Gewerbes unter den Israeliten des Landes gemeinsam zu wirken. — Aus dem uns zugegangenen Berichte des akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur zu Kerlin über das Wintersemester 1888/89 ist zu ersehen, daß daselbst recht fleißig und erfolgreich gearbeitet wird. Die Mitgliederzahl ist um fl» gegen die Anfangsziffer gestiegen. Zu wünschen wäre, daß Schriftsteller und Verleger die Vereiüsbibliothek reicher durch Zuwendung ihrer Schriften bedenken würden. Es wurden neun Vorträge gehalten, die zahlreich von Gästen besucht waren, darunter einer über S. Holdheim von Dr. I. Ritter. — Der an den Pfingsttagen abgehaltene Antisemitentag in Kochum, dessen Mitglieder fortab sich als „deutschsoziale Partei" bezeichnen, hat ein judenfeindliches Programm aufgestellt, in welchem die Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden den Hauptpunkt bildet. Unter anderm sollen nach diesem undurchführbaren Programm, welches die Juden wieder ins Ghetto bringen will, jüdische Ärzte nur in jüdischen Familien zulässig sein.., Solche Beschränkungen kannte man selbst im Mittelalter nicht, wo Inden als Ärzte bei Königen, Fürsten und Päpsten wirkten. Die Ausnahmsgesetze sollten auch nach Böckel auf Täuflinge ausgedehnt werden, während die Stöckerianer der Ansicht waren, daß das Tanfwasser ganz germanisiere. — In Greifswald.nehmen die Studentenvereine keine jüdischen Studenten auf. — Das Juli-Heft der „Preußischen Jahrbücher" enthält an erster Stelle folgende Mitteilung an die Leser: „Zum Abschied. Nachdem ich dieser Zeitschrift vor einunddreißig Jahren als jüngster Mitarbeiter beigetreten bin und seit deni Jahre 1866 bei ihrer Leitung mitgewirkt habe, nehme ich heute von ihren Lesern Abschied. Während dieser langen Zeit sind die „Preußischen Jahrbücher" niemals von irgend einer Partei unterstützt, zuweilen sogar, in schweren Tagen, von der großen Mehrzahl der deutschen Blätter bekämpft worden. Um so wärmer und herzlicher muß ich also denen danken, die mich durch ihr Vertrauen geehrt und ermutigt haben. Berlin, 23. Juni 1889. Heinrich von Treitschke." Herr Professor v. Treitschke scheidet aus den Jahrbüchern aus in Folge von Differenzen mit Herrn Dr. Delbrück, zu denen die antisemitischen Neigungen des berühmten Historikers den Grund gelegt haben. — Der antisemitische Agitator Dr. Kernhard Förster hat seinem Leben durch Strychninvergiftnng selbst ein Ende gemacht. Der Grund für den Selbstmord wird in finanziellen Beschwerden gesucht und in dem Bewußtsein, Hunderte von armen Deutschen nach Paraguay gelockt und damit ins Elend gefiihrt zu haben. —