Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1889)
- Date
- 1889-06-01
- Page
- Seite 140 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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140 anzusehendes, in zerrissene Kleider gehülltes menschliches Geschöpf, ein alter Jude. Was that der alte Jude? Er murmelte Gebete in den Fluß und der Fluß trug seine Gebete fort, wie das vor vielen und vielen Jahrtausenden der Fall gewesen sein mag, und indem ich dieses Schauspiel vor mir sah, da war es, wie wenn auf meinen Wanderungen manchesnial die ganze Höhe eines mächtigen Gebirgszuges sich dem Auge enthüllte, von tief unten den fruchtbaren Thälern Indiens bis zur verwitterten und vereinsamten Menschengestalt, die hier vor mir stand. Und indem ich diesen Abhang der Entwicklung menschlicher Gedanken übersah, erblickte ich auf dem Abhange auch den schönen und herrlichen Baum des Christentums, der hier so wunderbar emporgesprossen ist, und unter dessen Schatten so gut zu leben ist. Und während ich mich diesem Gedanken hingab, kam ein Straßenjunge und verspottete den alten Juden, und zwei elegante Herren standen an der Ecke und rieben sich die Hände und lachten von ganzem Herzen dazu. Der Jude wischte sich mit bent Arme über das Gesicht und verschwand. Ich aber dachte mir, ist das das Christentum von heute? Steckt nicht in dieser elenden Menschengestalt ein Herz wie das unsrige, pulsirt nicht Blut wie das unsrige in seinen Adern, ist diese Kreatur nicht zur Welt gekomnien wie Alle, Fürsten und Bettler, liebt sie nicht ihre Kinder wie wir, und wird nicht einmal für diese Kreatur wie für uns Alle, ein letzter Moment des Scheidens und die abrechnende Frage kommen: Was hast Du in Deinem Leben vollführt an Werken Der Liebe, und was hast Du vollführt an Werken des Hasses?" Bei diesen Worten hallten die Gallerten wieder von Beifallsbezeugungen, so daß der Präsident mit der Räumung drohen mußte. — Aus Zattonya schreibt uns Herr Oberlehrer Ignatz Spitzer: Der „Ungar, israelitische Landeslehreroerein" um dessen Fahne sich 450 jüd. Lehrer Ungarns schaaren, hält in dreijährigem Cyklus eine seiner Generalversamnilungen. Nun sind die drei Jahre verstrichen und der wackere Verein hält in Budapest am 20., 21., und 22. August d. I. seine Sitzungen ab. Das Vorbereitungs-Comitv, an dessen Spitze der hauptstädtische Lehrer' Herr Philipp Wulrafli steht, hat seine Berathungen beendet und die zu besprechenden Gegenstände folgendermaßen gruppirt: 1) Die allerneuesten Bewegungen und Momente auf dem Gebiete der Volkserziehung der in- und ausländischen Judenheit- Der Referent wird Herr Prof. Dr. I. Malnai sei». 2) Religionsunterricht wird in zwei Teile behandelt und zwar Religionsunterricht in der konfessionellen Schulen und in den Komunalschulen, aber beide Zweige durch einen Referenten vertreten. 3) Vortrag über die vom Vereine seinen Mitgliedern bietenden materiellen und geistigen Vorteile. Waisen- und Hilfsfond. (Der Verein verfügte am 31. Dez. 1888 über ein Vermögen von 24,000 fl). 4) Bildung von Filial-Vereinen. Anträge über die innere Organisation des Vereins. 5) Das Quantum und die Unterrichtsmetode des hebräischen Lehrstoffes in den jüd. und Komunalschulen. 6) Allgemeine Erziehungs- und Unterrichts-Thesen mit besonderer Rücksicht auf die jüdische Schule. 7) Anträge bezüglich der Lehrbücher-Edition des Vereins. — Am 15. März, als am Jahrestage des 48 er Ungar. Freiheitskampfes hielt der Oberrabbiner zu Alt-Kanizsa Herr Hermann Flesch auf Ansuchen der Stadtrepräsentauz die Gedenkrede, welche so zündend und vom Patriot. Hauche durchweht war, daß die vieltausendköpfige Zuhörerschaft in nicht eudenwollende Akklamationen und Eljenrufe ausbrach. Auf dem Festkommers widmete der Bürgermeister dem abwesenden Overrabbiner einen schönen Trinkspruch. — Herr Fran; Uulpky, der gefeierte Direktor des Ungar. Museums, hielt am 19. Mürz d. I. in Szegzärd zu Gunsten des dort