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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-04-01 · Heft 4 (1.4.1889) · p. Seite 90

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 4 (1.4.1889)
Date
1889-04-01
Page
Seite 90 (sequence 18)
Language
German
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90 vom Prinzregenten aufgesucht, der seiner Freude Ausdruck gab. ihn in seiner Residenz zu sehen. — Man teilt uns mit: Bei der Einweihung einer Simultanschule in Karlsruhe sagte der Bürgermeister Schnetzler : „Eine Religiosität, welche den Menschen nicht emporführe zu duldsamer Gesinnung, welche ihn vielmehr mit Geringschätzung der Andersdenkenden erfülle, welche ihn zur Absonderung von Andersgläubigen erhalte, welche Haß statt Liebe ins Gemüt pflanze, sei nicht eine Tochter des Himmels, sondern eine Magd irdischer Beschränktheit und Leidenschaftlichkeit, wie heilig auch das Gewand scheine, in dem sie sich heuchlerisch verkleide." — Mit Bezug auf die Mitteilung Wutterstadt betreffend (S. 43 dieses Jahrgangs) wurde uns zur Charakteristik, der dortigen jüdischen Gemeindeverhältnisse von befreundeter Seite die Mitteilung, daß in Mutterstadt eher die Juden als die Christen Tadel verdienen. Wenn man die Friedhof- . Angelegenheit mit Antisemitismus in Verbindung gebracht, so sei dies falsch, da dort die Saat Stöckers keinen Boden gefunden habe. Man habe dort keine Antisemiten, im Gegenteil die Juden machten im Grunde genommen mehr Rischus unter sich selbst, als Christen gegen Juden. Man habe von Seiten der Christen durchaus nichts gegen die Errichtung eines jüdischen Begräbnisplatzes und auch nichts gegen die Anlage eines solchen in der Nähe des christlichen. — Eine in Dayern angestellte amtliche Untersuchung hat ergeben, daß die überwiegende Mehrzahl der Wucherer, nicht wie in dem vom „Verein für Sozialpolitik" herausgegebenen Buche „Der Wucher auf dem Lande" behauptet wird, Juden seien, sondern „angesehene christliche Kaufleute", die Mitglieder des landwirtschaftlichen Bezirkscomite's in Oberbayern sind, in welchem kein einziger Jude sich befindet. — Bei Beratung des Antrages auf Beseitigung der Getreidezölle m der Reichstagssitzung vom 31. Januar äußerte sich der Abgeordnete von Kardorff, der Führer der Freiconservativen, über die antisemitische Bewegung also: Man mag, gleichviel ob man die antisemitische Bewegung als eine Rassenfrage oder als eine religiöse Frage betrachtet, davon überzeugt sein, daß diese Frage in entschiedenem Widerspruche steht mit denjenigen Grundsätzen der Duldsamkeit, welche auch nach meiner Auffassung die Voraussetzung unseres modernen konstitutionellen Staatslebens überhaupt bilden. — Herr Hofprediger Stöcker feierte vor seinen Christlich-Socialen den Kirchenhistoriker August Neanoek als einen „rechten Israeliten und rechten Christen." Aus dem Zuhörerkreise wurde verwundert die Frage aufgeworfen, wie er einen Juden loben könne? Da klagte Herr Stöcker, es zeigten solche Fragen, daß mit manchen Antisemiten die Verständigung sehr schwer sei. Nun wurde er aber von vielen Seiten mit der Frage bestürmt: „Wo bleibt das deutsche Nationalgefühl?" Darauf antwortete Herr Stöcker und sagte unter Anderem: es ist doch die welthistorische Thatsache nicht wegzuleugnen, daß das Christentum durch die Apostel, die alle Juden waren, ausgeb reitet worden ist. Dem Herrn Hofprediger wurden für diese Aeußerung die Worte „Judengenosse" zugerufen. Daß es einst einen „Judengenossen Stöcker" geben würde, hätten wir uns nicht träumen lassen! — Am 10. und 11. Juni wird in Hochum ein allgemeiner deutscher Antisemitentag stattfinden, zu welchem auch ausländische Antisemiten ihr Erscheinen zugesagt haben. — Am 21. Febr. wurde in Sresla« der Rabbinatskandidat Mar Kernstein aus Königsberg gebürtig, der den 8 Jahre alten Knaben Severin Hacke zu unsittlichen Zwecken benutzte und dabei mittelst eines Messers denselben an einem geheimen Orte stach, so daß einige Blutstropfen hervorquollen, wegen Körperverletzung zu drei Monaten Gefängnis ver-

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