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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-01-01 · Heft 1 (1.1.1889) · p. Seite 21

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 1 (1.1.1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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21 Arme größere und reichlichere Spenden nur von Israeliten einliefen. — Gegenüber einem Correspondenten der „Sonn- und Montagszeitung" hat die berühmte französische Schauspielerin Sarah Dernhardt über ihre Abkunft sich folgendermaßen geäußert: „Man hat mir in der Presse großes Unrecht gethan, man sprengte über mich die unsinnigsten Gerüchte aus und stellte mich so hin, als wäre ich eine Verworfene oder Irrsinnige — und ich bin keines von Beiden. Um mir recht wehe zu thun, erzählte man in Paris, mein Vater sei ein Berliner gewesen. Das ist einfach nicht wahr. Wir sind Holländer. Mein Großvater schon kam nach Frankreich; mein Vater war ein armer Lehrer und meine Mutter war es, die mich gezwungen hat, zur Bühne zu gehen. Ich hatte keine Lust dazu und zweifelte auch an meiner Begabung, die sich erst später im Conservatorium entwickelte. Meine Eltern waren strenggläubige Juden und blieben es bis zu ihrem Tode. Ich ließ mich allerdings taufen, aber ich glaube am besten als Christin zu fühlen, wenn ich im Herzen Liebe zu jenem Glauben bewahre, dem meine Mutter angehörte und welcher der Christenheit das Heil gegeben. Als meine Mutter vor kurzer Zeit hochbejahrt starb, habe ich in jener Weise an ihreni Grabe gebetet, wie sie es mich lehrte und ich trauerte um sie in jener Weise, wie ihre Religion es vorgeschrieben". Bei diesen Worten schwammen ihre Augen in Thränen; sie zog ein Medaillon hervor, öffnete es und nachdeni sie das Bild darin an ihre Lippen gepreßt hatte, zeigte sie es mir: Das Porträt von einer alten Frau von unverkennbar jüdischem Typus. „C’etait Mama!“ lispelte sie und eilte in's Nebenzimmer, um daun mit den verweinten Augen ein jüdisches Gebetbuch herauszubringen. „Das einzige Erbtheil meiner Mutter," sagte sie, das unscheinbare, in Leder gebundene Büchlein, nachdem sie es mir gezeigt hatte, in ein kostbares Etui aus Sammt mit Goldornamenten schiebend. — Man schreibt uns: Amelien Scholl in Paris erzählt folgende zwei Anekdoten, gelegentlich des neu erschienenen antisemitischen Werkes von „Drumont" „La Fin d’un monde“ in seiner letzten Pariser Chronik. Ein Beamter der Stadtverwaltung hat die Bemerkung gemacht, daß, wenn eine einzige Maus einen Sack mit Mehl augenagt und halb verzehrt hat, von den Beobachtern des Schadens gesagt wird, „Das waren die Mäuse." Aber wenn ein Dutzend Katzen über einen Napf mit Milch hergefallen sind, und denselben geleert haben, so wird auf die Frage, wer die Milch getrunken habe, geantwortet, „Das war die Katze." Im ersten Falle beschuldigt man eine ganze Gattung wegen des Fehls der Einzelnen; im zweiten einen Einzigen wegen der That Mehrerer. Das ist bei der Geschichte mit den Juden heute der Fall. Für einen Juden, der die Hand an den Sack gelegt, würde man gerne alle Juden steinigen. Und wenn irgend ein schlechter Streich von mehreren Schluckern einer anderen Gattung gemacht wird, beschllldigt man nur Einen. Ich könnte Züge wahrer Wohlthätigkeit, Großmut, selbst Verschwendung von gewissen Juden meiner Bekanntschaft erzählen, und Züge von Geiz, Gier, Raubsucht, von gewissen Christen, die ich gleichfalls kenne. Es ist 11 Uhr Abends. Eine Frau, die in ihren Armen ein zweijähriges Kind hält, ist iliedergesunken auf einer Bank, Avenue Lamothe-Piquet. Ein junger Mensch geht vorüber, ein Angestellter an einer Buchhandlung. Er steht still. „Was macht Ihr da?" „Mein Herr, ich will mein Kind in die rav de Sevres tragen, und will danach um ein Nachtasyl für mich suchen. Ich habe seit diesen Morgen nicht gegessen und habe mich gesetzt, um ein wenig Kraft zu sammeln!" „Hier sind 30 Sous, es ist Alles, was ich bei mir habe! Gebt mir Euer Kind, ich will es tragen." Er begleitete die

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