Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1888)
- Date
- 1888-12-01
- Page
- Seite 278 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969767--2438-2972621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
278 allmälig ganz abgestumpft wurde und die ganze äußere Erscheinung unserer Religion trübe und bitfter, verworren und mißgestaltig, die Trauer der Zeiten abspiegelte, das lag nicht in unserer Religion, sondern eben in den herrschenden Verhältnissen. Wer tvird, wer kann dem Krieger gram sein, wer wird es wagen ihn unordentlich zu schelten, wenn er nicht reinlich und blank, in glänzender Paradeuniform, sondern bestaubt, mit verschweißtem Angesicht, in zerrissenem Waffenrock von dem Schlachtfelde daherkommt? Und war nicht das ganze Mittelalter, das für Israel erst in der neueren Zeit sein Ende erreicht, ein fast ununterbrochener Schlachttag, an welchem das Judentum den Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hatte? Da konnte an die Erhaltung würdiger, anziehender Formen, an die Pflege schöner, ansprechender Gestaltungen auf dem Gebiete des Judentums wahrlich nicht gedacht werden! . . . Was hier im Allgemeinen ausgesprochen ist, das gilt nun insbesondere von unseren Begräbnisplätzen. Das ungeordnete, verwilderte Aussehen, das die Stätten unserer Heimgegangenen früher allerdings darbvten, war nichts als ein getreues Spiegelbild der gesetzlosen Willkür, unter welcher die Lebenden ihr Dasein verbrachten, und die Toten selbst vor mutwilliger Mißhandlung nicht gesichert waren. Heutzutage*) aber soll die sinnig ordnende Hand walten bei der Anlegung und Einrichtung der Ruhestätten der Unsrigen, zur Ehre der Toten und der Lebenden. Daß dazu auch der Blumen- und Pflanzenschmuck der Gräber gehört, habe ich in der angegebenen „Nachschrift" weiter ausgeführt. Zur Ergänzung dieser Ausführung will ich jedoch hier bemerken, daß mir damals eine Stelle in unserm altjüdischen Schrifttume entgangen war, in welcher das Schmücken der Gräber mit duftenden Pflanzen, als Ausdruck liebender Verehrung, auf das klarste ausgesprochen ist. Die Stelle befindet sich in 2. Könige, 23, 17. Hier heißt es: der König Josia, hindeutend auf ein Doppelgrab des Begräbnisplatzes, dessen eine Seite — wie der Commentator Raschi bemerkt — von Myrthen und würzig duftenden Gewächsen bedeckt, während die andere Seite von Dornen und Disteln überwachsen war, fragte: was bedeutet diese Auszeichnung da? Und die anwesenden Leute aus der Stadt Bethel antworteten, daß die mit Pflanzen geschmückte Seite das Grab des göttlichen Propheten sei, der vor etwa 350 Jahren in Bethel gestorben war, während in dem anderen Grabe der damalige falsche Prophet beerdigt sei. (Vgl. 2. Kön., Kap. 13.) Hieraus ersehen wir, daß das pietätsvolle Schmücken der Gräber nicht nur keine unjüdische, sondern eine vor Jahrtausenden bereits in Israel übliche Sitte war. Und diese Sitte war so tief eingewurzelt in Israel, daß der Pflanzenschmuck auf dem Grabeshügel des hochverehrten Propheten über drei Jahrhunderte hindurch von Geschlecht zu Geschlecht als ein Ehrenschmuck auf das sorgfältigste gepflegt und erhalten wurde. Dagegen drückten die auf der anderen Seite des Doppelgrabes befindlichen Dornen und Disteln um so beredter die Mißachtung aus, die man gegenüber dem falschen Propheten hegte. Weun wir daher den Grabeshügel eines geliebten Verstorbenen nicht mit wild aufsprossenden Dornen, Disteln und sonstigem Unkraut überwachsen lassen, sondern unserem Pietätsgefühle durch das Bepflanzen mit lieblichen Gewächsen *) Man wolle nicht übersehen, daß, seitdem die obigen Worte niedergeschrieben wurden, dreißig Jahre verflossen sind und in der Jetztzeit unsere Friedhöfe, insbesondere die Gräber ans denselben, namentlich in den größeren Gemeinden, freilich unter thatsächlichem Proteste der Stabilen, sich meist in einem wohlgeordneten, dem hohen Ernste dieser Ruhestätten angemessenem Zustande darstellen.