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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-06-01 · Heft 6 (1.6.1887) · p. Seite 126

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 6 (1.6.1887)
Date
1887-06-01
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
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— 126 — forderung zur Vernichtung aller Existenz zum Selbstmorde, zum Aufgehen in das Nichts. Andrerseits wird Jedermann zugeben müssen, daß die Religion allein in allen Lagen des menschlichen Lebens das erlösende Wort zu sprechen vermag, wodurch der Sturm der Leidenschaften gebannt nnd das verzagte Gemüt beruhigt und getröstet werden kann. Und dieses erlösende Wort ist: Gott. Der Name „Gott" ist das trostreichste Wort, das je die menschliche Sprache hervorgebracht hat. Deshalb muß auch trotz aller Argumente der neueren Philosophie noch immer an dem Satze festgehalten werden, daß der Gottesbegriff allen Menschen angeboren ist. Wo aber derselbe zu fehlen scheint, da ist er entweder durch tierische Leidenschaften und Begierden dermaßen verdunkelt, daß er nur im Hintergründe des Bewußtseins schlummert, oder er manifestiert sich in solchen Formen, welche dem oberflächlichen Beobachter keine Spur von seinem Dasein verraten, dem tieferblickenden jedoch die zu Grunde liegende Idee deutlich abspiegeln. So sind der niedrigst stehende Fetischismus und der saniojedische Schamaismus deutliche Abspiegelungen des in diesem halbtierischen Menschen schlummernden Gottesbegriffes. — Der Glaube an Gott tröstet den Menschen durch den Hinweis auf das Ewige und Unvergängliche seines besseren Jch's und ganz besonders durch die Ueberzeugung von der ausgleichenden göttlichen Gerechtigkeit im zukünftigen Leben. — Wollte man hiergegen einwenden, daß diese Ueberzeugungen nicht bloß von der Religion, sondern auch von der griechischen Philosophie geteilt werden — denn auch diese, besonders die aristotelische, lehrt das Dasein einer allerhöchsten Ursache, die sie Gott nennt — so ist dagegen zu bemerken, daß der philosophische Gott keinesweges mit Freiheit, sondern aus Notwendigkeit handelt, da selbst ein Aristoteles sich nicht vom Fatalismus des Heidentums frei zu machen vermochte. Selbstverständlich kann bei einem solchen Gotte auch von keiner Vorsehung die Rede sein. Aber auch die Unsterblichkeitslehre wird hierdurch illusorisch, denn was die Ausleger des Aristoteles hierüber faseln, ist mehr als lächerlich. Nach ihrer Ansicht soll sich die Seele, aber beileibe nicht jede, sondern nur die des Philosophen nach dem Tode mit der „aktiven Vernunft" deren Sitz in der Mondessphäre sich befinde, derart vereinigen, daß sie eins werden. — Arme griechische Philosophen! Hättet ihr es voraussehen können, daß Copernicus einst all euer Sphärenwerk vernichten wird, dann hättet ihr euch einen fester» Wohnsitz für euere Seelen gewählt, etwa auf dem Sirius, oder wenn ihr vielleicht die weite Reise gefürchtet habt, auf dem Monde selbst. — Hierin liegt eben der Grund, warum der philosophische Gott nicht erwärmen und begeistern, nicht trösten und beruhigen, aber auch nicht zum Guten anspornen und vom Bösen abhalten kann. Er ist eben weiter nichts als eine blindwirkende, von der eisernen Notwendigkeit bestimmte Maschine, die sich stets gleich bleibt und weder um das Wohl noch um das Wehe der Menschen bekünimert. Daß aber auch die Ethik mit einer solchen Theorie nicht zu vereinigen ist, geht aus der einfachen Erwägung hervor, daß ein Wesen, welches selbst unfrei ist, keine mit freiem Willen begabte Geschöpfe hervorzubringen im Stande ist. Nun ist aber der freie Wille eine Hauptbedingung jeder Sittenlehre, folglich ist keine Ethik mit der fatalistischen Gotteslehre vereinbar. Dieselbe Einwendung ließe sich auch gegen die moderne Philosophie Vorbringen, da die Konsequenzen derselben sich ebensowenig mit der Willensfreiheit des Menschen vertragen. Aus dem bisher Gesagten geht zur Genüge hervor, daß die Religion Israels den Kampf gegen den modernen Feind ebensowenig zu scheuen hat, wie

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