Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1887)
- Date
- 1887-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Wenn irgend eine der großen, erhebenden Erinnerungen, die die Vorzeit uns hinterlassen, die die Jahrtausende uns erhalten, die die dahingegangeneu Geschlechter als ein heiliges Vermächtnis uns übergeben haben, es verdient, daß wir sie stets von Neuem in Gedächtnisse erwecken, in unserem Geiste beleben und in unserem Herzen durchfühle», daß wir sie weiter tragen und als ein unzerstörbares Denkmal der göttlichen Gnade in dem Bewußtsein unserer Glaubensgemeinde aufrichten, so ist es gewiß die, zu deren Zeugniß und Verewigung das Wochenfest, der Gedenktag der Gesetzgebung am Sinai, bestimmt und eingesetzt ist, denn was damals geschaffen ward, das besteht heute noch und löschen wir aus unserem Bewußtsein diese eine Erinnerung hinweg, reißen wir aus dem Buche unserer Geschichte dies eine Blatt, darauf die Grundzüge aller Menschenreligion verzeichnet sind, hinaus, und erloschen ist die adelnde Weihe, die dem Namen Israels Ruhm und Ansehen verleiht in den Augen der Völker, und gestürzt sind die Pfeiler, auf denen der Bau aller sittlichen Weltordnung ruht. Nein! Mehr als die Erinnerung an ein Vergangenes ist es, es ist die Betrachtung eines stets Gegenwärtigen, eines immer Fortbestehenden, eines ewig Unzerstörbaren, wozu das Wochenfest uns hinleitet und eine Thatsache stellt es uns vor Augen, deren Bewußtsein uns nie verlassen darf, eine Pflicht, deren Beherzigung und Bethätigung unser eigentlich israelitischer Lebensberuf ist. „Die -Lehre, die uns Moses gegeben", sagt es uns in kurzen aber vielsagenden Worten, „war, ist und muß stets bleiben ein Erbe der Gemeinde Jakobs". Diesen Ausspruch, den die fronime jüdische Mutter von Morgen zu Morgen ihrem Kinde einprügte, daß er durch das offene Ohr den Weg in das empfängliche Herz finde, diesen Ausspruch, den unser göttlicher Lehrer Moses, als er vor seinem Tode die Stämme Israels segnete, ihnen allen als eine heilige und unvergeßliche Mahnung ans Herz legte, wollen wir daher in der reichen Fülle und in der ganzen Wahrheit seiner Bedeutung zu erfassen suchen. Wir werden aus ihm erkennen, welcher Art unsere Lehre ist und in welcher Weise wir sie zu erhalten haben. Nicht Israel allein, alle Völker der Erde sollten sie empfangen, die _ erhabene Gottesgabe, die unseren Vätern zu Teil geworden, das Wort der ewigen Wahrheit, die Lehre des sittlichen Heils, die damals der beseligende Besitz und das unschätzbare Erbgut des Hauses Jakobs geworden sind. Denn der Eine Ewige, dessen schöpferischer Geist das unermeßliche All beseelt, der König aller Herrlichkeit, vor dem Welten ihre Pforten öffnen, Berge zerfließen, Meere sich ebnen, Sterne sich beugen, Himmel sich senken, ist nicht der Gott eines einzelnen Stammes, eines einzelnen Geschlechtes, das allein berufen ist, seinen Namen zu ' ehren und zu heiligen. Er ist der Gott aller Völker, der Vater aller Menschen, und dein Höchsten uachzustreben, zu dem Ewigen den Geist emporzutragen und das Herz zu einem Tempel zu weihen, dessen Zinnen in den Himmel ragen, darin die Glut edler Gefüle nie erlischt und das Lied erhabener Begeisterung nie verklingt, wem sollte dieß auch versagt sein? Ist aber auch jeder fähig, jeder bereit, jeder gewillt und bestrebt, mit Hingebung und Freudigkeit, mit Gehorsam und Begeisterung sich solchem Dienste zu weihen, sich zu einem solchen Berufe zu erheben? In allen Weltsprachen, nach allen Weltgegenden ertönte das Wort der göttlichen Lehre „der Herr kam vom Sinai, strahlte einher vom Berge Sei'r, ans Paran's Höhen erglänzte seine Herrlichkeit, Myriaden Stimmen verkündeten seine Anknnft, wie Fenersglnt leuchtete das Gesetz des Rechtes, das von ihm ausgieng." In der ernsten Sprache Jsrael's, in den kraftvollen Klängen Roin's,