Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1885)
- Date
- 1885-10-01
- Page
- Seite 236 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969726-2969737--1480-2971941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
236 von den Unmenschen derart mißhandelt, daß er ohnmächtig zusammenbrach. Nach vielen herausfordernden Thaten kam es vor der Synagoge zu einem regelrechten Kampfe. Erst durch die Verhaftung eines Führers auf Befehl des Kommandanten der Truppen war die Ruhe wieder hergestellt. — Belehrend über die Zustände der Juden in Ungarn ist das neunte Heft der „Deutschen Rundschau" welches einen interessanten Artikel über „Die ungarische Gesellschaft" enthält, dem wir die folgende Aeußerung des bekannten Abgeordneten vr. Max Falk entnehmen: Die Gleichberechtigung der Juden sagt er, besteht, aber nur auf — dem Papier. Die Gesellschaft hat sie noch nicht akzeptirt. Innerhalb ihres Rahmens sind sie eine tolerirte, aber noch lange keine rezipirte Kaste. Die Juden Handel» deshalb unklug, wenn sie sich vorzeitig gewaltsam in die Prärogative des Adels eindrängen, diesen bei Wettrennen und dergleichen Sports überbieten wollen. Sie reizen dadurch den Stolz der Oligarchen und niachen ihnen den Verlust ihrer Vorrechte immer neuerdings fühlbar. Jahrhunderte alte Gegensätze lassen sich nicht so rasch verwischen. Die heutige Position der Juden ist die denkbar peinlichste, obwohl sie sich mit viel Geist darüber hinwegtäuschen. Es verdrießt natürlich den Fürsten rc., wenn ein Jude — vielleicht ein Chef einer Lumpenfabrik — in das stolze Schloß seiner Ahnen einzieht. Er hält es für ausgemacht, daß der spekulante Jude ihn ruinirt hat- In Wahrheit sind es zwar die Karten, die Zigeuner und die schönen Frauen gewesen, und der Jude hat sich nur durch Ausdauer und ehrliche Arbeit emporgerungen — aber man versuche es die Gesellschaft eines Besseren zu belehren. Diese Voreingenommeuheit ließe sich durch manches humoristische Einzelbeispiel illustriren. Nimmt z. B. eine reiche Judenfamilie keine Loge im neuen ungarischen Opernhause, so heißt es — „diese Juden! Was für schlechte Patrioten sie sind, sie unterstützen nur das deutsche Theater!" Abonnirt die Familie, so heißt es unfehlbar: „Diese Juden drängen sich doch überall vor. Auch das neue Opernhaus haben sie schon ganz überschwemmt." — Die Zeitschrift „Woschod" bringt folgende Erzählung nach der Zeitschrift „Wostotschnoje Obosrenie" (Oestliche Rundschau): Ein Jude, der in mehrjährigen Handelsverbindungen mit den Kirgisen steht, hatte einen ungefähr achtzehnjährigen Sohn, der das freie sorglose Leben der Wüstensöhne und eine ihreri Schönen liebgewonnen hat, und diese beide Ursachen bewogen den Burschen zum Islam überzutreten. Von Natur aus ein gescheiter und fähiger junger Mann, überwältigte er bald alle Schwierigkeiten, die einem Fremden in einer neuen Religion im Wege liegen und wußte sich bei den Geistlichen sö beliebt zu machen, daß dieselben ihn für einen ihres Gleichen ansahen, und nach einigen Jahren erlangte er den hohen Rang eines Erzmulla. Die Kirgisen sind ganz entzückt von ihrem jungen Mulla und überschütten ihn mit Geschenken, hauptsächlich darum, weil er den Gottesdienst, zwar auf eine für sie unverständliche Weise, aber echt arabisch vorträgt, „gerade so wie er in Mekka vorgetragen werde." Wie sich aber nun herausstellt, ist die Sprache, deren der junge Mulla sich beim Gottesdienste bedient, nichts weniger als arabisch; es ist vielmehr — hebräisch, welches der schlaue Geistliche zu seinen Zwecken mit solchem Erfolge verwendet. — Der Erzbischof Makaria hat Rischnei-Uowgorod verlassen, um sein Amt als Metropolit von Tomsk anzutreten. In der Abschiedspredigt bei einem Gnadenbilde sprach'er unter Anderem: „Ohne Zweifel denkt ihr meiner Worte, die ich im vorigen Jahre wegen der unglücklichen Juden zu Euch gesprochen habe. Es ist mir nicht unbekannt geblieben, wie ich ihretwegen verlästert worden bin. Trotzdem bitte ich Euch vor meinem Scheiden, daß ihr