Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Ratibor. Man denkt daselbst an Einführnng von Reformen im Gottesdienste und will dem immer mehr umsichgreifenden Verfalle durch Creiirung einer Konsistorialverfassung für ganz Oesterreich begegnen. — S: Heller in Wien verlangt in einem Aufsatze „Die Zukunft des Judentums" (Kritik und Reform N. 11) Verständigung zwischen Juden und Christen auf dem Gebiete der Religion und warnt vor Selbstüberschätzung. Dies kann ccher nur geschehen, schreibt er, wenn der gebildete Jude das neue Testament so liest und studirt wie der gebildete Christ das alte; beide so, wie sie die Gedichte des Homer lesen, nicht einander belächelnd, sondern die hohe Einfalt, die sittliche Kraft und die dichterische Schönheit der beiden Testamente gleich bewundernd. Ich weiß nicht, wie es um unsere Hochschulen steht; aber unsere heutigen Rabbiner und Prediger in ihrer Verkehrtheit, mit der täppischen Weise, wie sie unser herrliches Judentum fassen und namentlich wie sie es kompromittiren, indem sie es zu verteidigen meinen, diese Zugrunderichter ihrer Nation sagen mir, daß es in diesem Punkte übel mit uns steht. Ich ließe Niemanden zum Rabbinate zu, der mir im neuen Testamente nicht so Bescheid wüßte wie im alten und der eines dem andern in Betreff der Wahrheit des darin sich aussprechenden Glaubens vorzöge. Können denn Brüder einander nur lieben, wenn sie das väterliche Erbe gemeinschaftlich besitzen? Auch über das Ghettojudentum in der Gegenwart heißt' es in benannter Zeitschrift: Die Zeit der Emanzipation hat den Ghettojuden emporgetragen. Der Ghettojude sitzt in der Gemeindevertretung und hemmt den Fortschritt und den Entwicklungsgang der Geschichte des wahren Judentums. Der Ghettojude drängt sich überall empor und gebahrt sich als Vertreter der jüdischen Gemeinde. Der Ghettojude repräsentirt unfern Mitbürgern gegenüber das Judentum und entweiht das heilige Amt, das ihm die jüdische Gemeinde ausgeliefert. Wo der Ghettojude sitzt, dahin können edle und hochsinnige Juden nicht; zur Seite solcher Vertreter will der gebildete Jude nicht sitzen. — An Stelle des Herrn vr. Leopold Kompert der sich aus Gesundheitsrücksichten veranlaßt gesehen, seine Stelle als Mitglied des niederösterreichischen Landesschulrathes niederzulegen, ist Herr vr. Fürth getreten — In Wien wurde die neue Zeitschrift des bekannten antisemitischen Agitators Ritter v. Ichd'nerer „Unverfälschte deutsche Worte" wegen Störung der öffentlichen Ruhe staatsanwaltlich konfisziert. Lange nachhallen werden dem edlen Ritter in der öffentlichen Meinung die Worte, die ihm gelegentlich seines Prozesses gegen den Chefredakteur des neuen Wiener Tagblattes zugerufen wurden, er führe Moral imMunde und treibe Kupplerei im Hause. — Die am 2. November in Krakau stattgehabten Exzesse haben keinen antisemitischen Charakter, dagegen hat der bekannte Merunowic; im Galizischen Landtage an den Regierungsvertreter eine Interpellation gerichtet, ob er nicht geneigt sei, die Gesetzessammlungen der Juden einer Revision zu unterziehen. Er verlangt Aufsichtsrecht und Kontrolle für jüdische Institutionen. — In Lemberg wurden von jüdischer Seite Theeanstalten eröffnet, worin die Armen, ohne Unterschied der Konfession, ein Glas Thee und ein Brödchen für 1 Kreuzer erhalten. — Am Martinitage, den 11. November, an welchem Paulus Caffel im Kaufmännischen Vereine zu Frankfurt a. M. einen sehr lehrreichen und äußerst interessanten Vortrag über „Martinsschwan und Martinsgans" gehalten, überreichten die Vorsteher der Prestburger jüdischen Gemeinde, diesmal in Budapest, dem österreichischen Kaiser die üblichen Gänse. Er freute sich, von der Deputation zu hören, daß jetzt zwischen Juden und Christen in Preßburg wieder Eintracht herrsche. Andererseits sah sich der österreichische Kaiser hinwiederum veranlaßt, die Deputation wegen Rücknahme des Erlasses von Seiten des Kultusministers, 2*