Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Wir hegen zwar die feste Zuversicht und die Erfahrungen aus der Geschichte stehen uns darin bekräftigend zur Seite, daß das Judentum auch aus diesen Stürmen und Kämpfen nur geklärt und geläutert hervorgehen werde, doch können wir es gerade darum nicht leugnen und verschweigen, daß die Träger des jüdischen Gedankens bis jetzt teils aus Maugel an Kenntnis ihrer Vergangenheit, teils aus einer vielfach im Laufe der Geschichte zeitweilig angenommen Jdeenfeindlichkeit viel zu wenig Verständnis für das, was nach innen und außen not thut, an den Tag gelegt haben, daß sie einen lügenhaften Frieden schließen da, wo ernster Kampf am Platze wäre, und wiederum blind und planlos anstürmen, wo friedliches, freundliches Auseinandersetzen gar so nötig wäre. Zweimal in der Geschichte des Judentums, im sechsten Jahrhunderte vor und im ersten nach Christo, im Kampfe gegen Nebukadnezar und Babylon und im Kriege gegen Titus und Rom, haben gedankenlose Bolksschmeichler, feile Lügenpropheten, falsche Priester und verblendete Fürsten im Bunde miteinander das jüdische Volk an den Abgrund des Verderbens gebracht, welches seine weitsehenden, tiefblickenden, wahrheitsliebenden Freunde, die Propheten und Weisen, erst dann erkannt und gewürdigt hat, als es zu spät gewesen, als die geistige Verwesung bereits alle Kreise untergangsreif gemacht, der innere Feind dem äußeren die Wege gebahnt und die Zerstörung nicht mehr abzuwenden war. Ja, wenn wir das Judentum der Gegenwart in seiner inneren und äußeren Stellung näher ins Auge fassen, so können wir uns der traurigen Wahrnehmung nicht gut verschließen, daß seine Gegner und Feinde den treuesten unbewußten Bundesgenossen gefunden haben in der erbärmlichen Geisteserschlaffung, welche als Folge bemitleidenswerter Gedankenarmut, gepaart mit verwerflicher Heuchelei und raffinierter Geistesschändung, die sich der Bosheit und Ungerechtigkeit so gerne als Waffen bedient, überall in Erscheinung tritt. Und in einer solchen Zeit tritt gerade an unverdorben denkende und fühlende Bekenner des Judentums, die die Wahrheit yicht für einen Steuergroschen feil haben, die um keinen Preis ihr Knie vor den Götzen des Tages gebeugt haben, die ernste Pflicht heran, unentwegt fortzufahren auf der beschrittenen Bahn des Guten und Rechten, sich den Geistesblick nicht trüben zu lassen, sich desto enger und inniger zusammenzuschaaren um das Banner der Wahrheit und so lange nach innen uno außen mit den Mächten der Nacht zu kämpfen und zu ringen, bis die Morgenröte wieder in ihrem herrlichen Glanze erstrahlet und angebrochen ist der Tag des Herrn, der mit seinem erhellenden Lichte alle Welt beglücket. Es ist darum mehr denn je geboten, Einschau und Ausschau zu halten und so wollen wir denn einmal nichtjüdische Stimmen in der Judenfrage wiederklingen lassen, sie näher prüfen und unsere Stellung zu denselben kennzeichnen. Paul de Lagarde, Professor in Göttingen, ein hervorragender Kenner des orientalischen Altertums, hat indem Programme für die konservative Partei Preußens sich vor Kurzem auch über die Judenfrage ausgesprochen und dabei sich eines Gedankenganges bedient, der lebhaft an den untergegangenen Helden im Esther-Buche erinnert. Er meint, die Juden wären unter allen Kulturvölkern zu finden und, obgleich sie verhaßt und verachtet seien, wären sie doch, in Europa wenigstens, die Herren der Nichtjuden. Für Träger der Verwesung hält er sie, die nach seiner Ansicht keine Religionsgenoffenschaft sondern eine Nation ausmachen, welche in der Geschichte jeden Wert verloren hat. Er nennt die Inden die ausgebrannte Schlacke der Vergangenheit und vrgleicht sie mit kindischen, eitlen, heruntergekommenen Adeligen, die das Erbe der Ahnen verschleudert haben und mit ihrer Großmäuligkeit Dumm-