Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1884)
- Date
- 1884-12-01
- Page
- Seite 287 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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287 wollen, angesetzt, um sie ferne zu halten. — In Basel wurden die Schuldirektoren durch die Behörden aufmerksam gemacht, zwischen den Schülern der verschiedenen Konfessionen keinen Unterschied zu machen und nicht solche Lieder singen zu lassen, wodurch die Gefühle der isr. Jugend verletzt werden könnten. — Von Herrn Salonion l'eoij, Mitglied des Mendelssohn-Vereins, geht uns folgende Mitteilung zu: Ich finde in dem Reisewerk von W. Joest eine Stelle, die sehr interessiren dürfte und die, als von nicht jüdischer Seite kommend, sehr geeignet ist, die Antiseniiten in Bezug auf die zivilisatorische Mission des Judentums eines Besseren zu belehren.' Von seiner Reise vom stillen Ozean, respektive von dem russischen Hafen Wladiwostok nach Strjetensk am Amur berichtet der Reisende: In Strjetensk endet die lange und nionotone Stromfahrt und hier mußte ich, wenn nicht auf jeder Station ein Wagenwechsel eintreten sollte^ einen eigenen Reisewagen oder „Tavantaß" kaufen. Das gelang niir auch mit Hilfe eines Juden. Die sonstigen Einkäufe giengen leicht von Statten, weil beinahe alle Ladenbesitzer deutschsprechende Juden waren. Es ist im höchsten Grade auffallend, daß hier, im Herzen von Asien, russische und polnische Juden und deren Abkömmlinge die Vertreter des Deutschtums sind; es sind ehrliche, fleißige Menschen, Handwerker und Kaufleute, die durch ihre Intelligenz und Mäßigkeit selbst den sehr intelligenten Chinesen Konkurrenz machen und sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Soweit Joest. Ich habe gewiß nicht zu viel gesagt, wenn ich im Eingang dieser Skizze von einer — wenn auch eng begrenzten — zivilisatorischen Mission der Juden sprach. Oder nennen die europäischen Nationen, welche die fremden Weltteile mit ihrer Gegenwart „beglücken," ihre Mission eine andere als eine zivilisatorische? Indem sie den Eingeborenen einen fremden Glauben bringen, kaufen sie ihnen zugleich ihre kostbaren einheimischen Rohprodukte für ihre europäischen Maaren ab und machen dabei ein sehr gutes „Geschäft". Lernen die Eingeborenen in ihrem Verkehr mit den Europäern alsdann nicht deren Handelskniffe ab, dann gehen erstere in der Regel unter, wie man es bei den Maori's auf Neu-Seeland, bei den Rothäuten in Amerika sieht. Es fragt sich nun, ob bei diesem Wettkampf zwischen Intelligenz und Wildheit die Juden mehr Unheil angestiftet haben, als z. B. die Dankee's in Bezug auf die Rothäute. Es hat sich bei dem friedlichen Charakter der Juden im Lauf der Zeiten gezeigt, daß die Völker, die mit den Juden in Verkehr kamen, mehr Vorteilhaftes als Nachteiliges von ihnen gelernt haben. Man kann dies zehnfach in der Geschichte Italiens, Siziliens, Spaniens, Frankreichs, Deutschlands und anderer Länder Nachweisen. Dies Alles ist jedoch bei der „zivilisatorischen" Mission Europa's nicht der Fall. Blut und Thränen bezeichnen die Stätten, wo europäische Kultur fremde Völker bevormunden wollte. Vergewaltigung und Bereicherung auf die rücksichtsloseste Art sind die Folgen abendländischer Invasionen und lange, nachdem arroganter, wenn auch nicht gerade sehr erfolgreicher Bekehrungseifer und sehr gelungener Handelstrieb ihre Früchte eingeheimst, bemerken, wir wenig von „Zivilisation" bei den „heidnischen" Völkern. Während englische Nabobs erstehen, sterben gleichzeitig die Hindu den Hungertod. Während Dankee's Eisenbahnkönige werden, gehen die Irokesen durch importirten Brandy und von Europa eingeschleppte Krankheit zu Grunde. In Deutschland möchte man den wirtschaftlicheil Rückgang den Juden in die Schuhe schieben, was von einer halben Million unter 45 Millionen Menschen gar nicht möglich ist. Aber in Frankreich ist derselbe wirtschaftiche Rückgang, Irland ist von den Engländern ebenfalls wirtschaftlich aufgesaugt. Italien leidet an Latifundien-Wirtschaft, Deutschland ist auch davon nicht verschont.