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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-12-01 · Heft 12 (1.12.1884) · p. Seite 277

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 12 (1.12.1884)
Date
1884-12-01
Page
Seite 277 (sequence 11)
Language
German
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277 Als die gefangenen Apostel vor das Richterkollegium des Synhedriums geführt wurden, bewirkte der Präsident Gamaliel deren Freilassung. Er sagte nach den Berichten der Evangelien Apostelgesch. IV. 3, V. 18. „Ist dieses Menschenratschluß oder Menschenwerk, wird es keinen Bestand haben, ist es aber von Gott, so werdet ihr nicht im Stande sein, es aufzulösen und zu zerstören". Weiser, milder und hochherziger hat kein Richter gesprochen; ein schöneres Zeugnis hätten die christlichen Urkunden dem Talmudisten nicht ausstellen können. Ganz im Geiste dieser Friedfertigkeit und der Menschenliebe sind die Gesetze über das Verhalten gegen Heiden, die nicht mit Unrecht auf Gamaliel zurückgeführt werden. Diese Gesetze bestimmen, daß man heidnische Arme gleich den jüdischen ernähre, heidnische Kranke gleich den jüdischen pflege und ihren Verstorbenen gleich den jüdischen die letzten Ehren erweise. Man soll den Heiden den Friedensgruß bieten, wenn sie dem Götzendienst andächtig obliegen. (Gittin 59 b 60 b jerus. Gittin 5 Ende). Die spätere christliche Sage hätte gern Gamaliel in einen Christen umgewandelt, die Einen machten ihn thatsächlich zum heimlichen christlichen Proselyten, die Anderen lassen ihn sogar offen zu Christus Glauben übertreten. (Vgl. Schenkel Bibel-Lexikon den betreffenden Artikel.) Weiter gieng die Volksphantasie, die ihn schließlich kanonisiert hat. In Pisa zeigt man ein Grabmal des „heiligen Gamaliel". Außer Gamaliel wird kein anderer Talmudist im neuen Testament erwähnt. In der Lebensgeschichte Jesu begegnet uns keine einzige Persönlichkeit, welche der Talmud nur dem Namen nach als gesetzeskundig, als autoritär und gesetzeslehrend aufführt. So zahlreich die Konflikte waren, in welche der Stifter des Christentums in Folge seines Auftretens mit den Staats- und Religionsbehörden des Landes geraten war, so finden wir doch nirgend einen bekannten Talmudisten genannt, welcher in diesen Konflikten irgend eine größere oder geringere Rolle gespielt hätte. Mronik der Tagesereignisse im Judentums auf sozialem und Merarifchem Heöiete. Am 18. Oktober begienH Herr Kirchenrat l>r. v. Wassermann in Stuttgart sein fünfzigjähriges Rabbinerjubiläum. Derselbe, 1811 zu Ansbach geboren, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und in Ulm und bezog dann die Universitäten Würzburg und Tübingen. Nach zurückgelegtem Studien 1832, trat er im Jahre 1834 die Stelle als Rabbinatsverweser in Mergentheim an. Von 1835—73 war er Rabbiner in Mühringen, von wo aus er nach der Hauptgemeinde des Landes berufen wurde. Wassermann nahm regen Anteil an den Reformbestrebungen innerhalb des Judentums und hat seine schöngeistige Bildung demselben gewidmet, wovon einige von ihm erschienene Erzählungen Zeugnis geben. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt er an seinen« Jubeltage den Wttrtembergischen Kronenorden I. Klasse. Kultusminister Gehler mit seinen Räten und Oberbürgernieister Hack, eine Deputation des Gemeinderats führend, begriißten den Jubilar an seinem Freudentage. Sämtliche jüdische Gemeinden des Schwarz-

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