Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1884)
- Date
- 1884-08-01
- Page
- Seite 181 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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181 Der Verstorbene, dessen Heimgang so allgemein betrauert wird, der königliche Kommerzienrat B. Holländer in Leobschütz, Repräsentant der seinen Namen führenden, weit und breit bekannten Firma, und das Haupt einer großen, vielverzweigten Familie, war, wir sagen nicht zu viel, ein Mann, wie selten einer, und ein Mensch im edelsten Sinne des Wortes. Unter welcher nahezu wunderbarer Verkettung von Umständen und Fiigungen, das Leben dieses Mannes, von den dürftigsten Anfängen ausgehend, sich so stattlich, so achtunggebietend aufgebaut hat, soll, soweit es der enge Rahmen dieser Blätter zuläßt, Gegenstand der folgenden biographischen Skizze sein. Benjamin Holländer, geb. am 12. Februar 1809 zu Loslau, einem kleinen oberschlesischen Städtchen, als erster Sohn in einer zahlreichen Geschwistergruppe, war neun Jahre alt, als seine braven Eltern, die sich und ihre Kinder von dem Ertrage ihrer Arbeit ernährten, plötzlich durch eine Feuersbrunst, welche an einem einzigen Tage die ganze Stadt eiuäscherte, aller ihrer Habe beraubt und in die drückenste Lage versetzt worden. So mußte er, und mit ihm sein um nur ein Jahr jüngerer Bruder, schon in diesein seinem ersten Entwickelungs-Stadium, all' den Hemmnissen und Entbehrungen anheimfallen, die im Gefolge häuslicher Armut auftreten; und da die Aussichten auf Besserung auch in den folgenden Jahren ausblieben, so griffen die beiden lernbegierigen Knaben im Alter von 14 und 13 Jahren, vorerst nur mit den bescheidensten elementaren Vorkenntnissen im Deutschen und Hebräischen ausgerüstet, zum Wanderstabe, um das, was die Ungunst des Vaterhauses und die an Fortbildungsmitteln arme Stadt ihrer materiellen wie geistigen Wohlfahrt versagte, in der Fremde durch die Unterstützung mildthätiger Menschen zu erreichen. Ihr Augennierk war zunächst auf Mähren gerichtet, ein Land, in dem Verwandte von väterlicher Seite lebten, und wo zur Zeit in mehreren Städten renomniirte Hochschulen für rabbinische Studien bestanden, die zu fördern die jüdischen Gemeinden sich angelegen sein ließen, indem sie den diesen Studien sich widmenden ärmeren Zöglingen hilfreich zur Seite standen. Hier, und vornehmlich in der an Bildungselementen reichen und geistesrührigen Stadt Prosnitz, wo der nachnialige mähr. Oberlandesrabbiner Nehemias Trebitsch um diese Zeit als Rabbiner wirkte, gelang es dem gut beanlagten, strebsamen und fleißigen Brüderpaar, sich innerhalb 5 bis 6 Jahren nicht blos in die hebräisch-biblisch und talmudische Literatur einzuführen, sondern sich auch zugleich die entsprechenden deutsch-wissenschaftlichen Kenntnisse anzueignen, deren Nachweis gesetzlich vorgeschrieben war, um in Preußen die Qualifikation zur Erteilung von öffentlichen, und privatem Unterricht zu erwerben. In ihr Vaterland zurückgekehrt, wirkten die beiden Brüder in Ratibor etwa zwei Jahre als Hauslehrer, und gründeten dann daselbst gemeinschaftlich, nach vorhergegangener, vorschriftsmäßiger Staatspriifung, die nachmalige bekannte, noch lange in Wirksamkeit gebliebene Holländer'sche Privatschulanstalt, die mit der Tendenz, Schüler für die mittleren Gymnasialklassen vorzubereiten, ungemein prosperirte und sich seitens der gebildeten Familien und höheren Stände des Ortes, ohne Unterschied der Konfession, eines so ehrenvollen Vertrauens erfreute, daß sie später durch Kabinets-Ordre des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu einer interkonfessionellen, der einzigen im ganzen preußischen Staate, erhoben wurde. Benjamin, der ältere Bruder, schied jedoch schon nach den ersten zwei