Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1884)
- Date
- 1884-05-01
- Page
- Seite 120 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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120 ausreichende Mittel verfügt, wird von dem Redner wacker verteidigt und mit einer Aufforderung an alle wohlwollend Denkenden schließt die Rede. Sehen sollen es die Armen, daß die Herzen der Reichen nicht im Glanze und Wohlstand verhärten, sondern daß sie mit ihnen fühlen, denn nach der Schrift beraubt den Armen derjenige, der ihm nichts giebt und wer Mitleid hat mit den Armen, der leiht Gott und Er wird ihm sein Thun vergelten. Die zweite der trefflichen Reden schließt sich an Sprüche 31, 20 und bezeichnet Wohlthun im Gegensätze zum Wohlwollen als eine Haupttugend, was zwar manche Mühe erfordert und wozu seltene Vorzüge uns gegeben sein müssen. Man solle durchaus das Wohlthun nicht dem dafür Angestellten überlassen, man müsse sich persönlich darum bemiihen. Neben den jüdischen Geistlichen sind besonders die Frauen hierzu geeignet, die nicht an die Kette der Arbeit geschmiedet seien. Schon in Salomos Frauenspiegel, der durchaus kein Spiegel der Eitelkeit zu nennen ist, heißt es, wenn die treffliche Frau im Hause ihre Pflicht gethan, „streckt sie aus ihre Hand dem Arnien und dem Dürftigen." «g>ier ist zunächst nicht sowohl die Rede vom Geldgeben, sondern von einem Wohlthun, das durch alles Geld nicht ausgewogen werden kann, von jener herzlichen, freundlichen, persönlichen Hilfe und Liebe, die der Mildthätigkeit erst ihren wahren Wert verleiht. Man müsse sich ernstlich fragen, wie man dem Armen am besten nütze. Gebete genügen da nicht, wo es gilt einem armen Kranken zu helfen, auch nicht bloses Dabeisitzen, um Teilnahme zu zeigen. Man inuß mit dem Empfänger überlegen über die beste Verwendung der erhaltenen Unterstützung und dahin sein Augeninerk richten, daß die äußere Lebensweise des Armen nach Grundsätzen der Hygiene gebessert werde. Man soll den Armen dadurch zugleich auch klar machen, daß nicht Glanz und Reichturn notthun, um sich eines gesunden Lebens zu erfreuen. Man soll die regelmäßigen Schulbesuche der armen Kinder überwachen und den Sinn für Reinlichkeit bei ihnen wecken. Man diirse nichts zu gering achten, um sich damit zu befassen und müsse die Sache wie eine eigene wichtige Angelegenheit behandlen. Lady, meint Redner, daran sollen die Frauen denken, heiße „Brodgeberin" und er weist zum Schlüsse auf das große Werk der Mis Oktavia Hill für Unterbringung der Armen in Wohnungen hin, deren Besitzer für ihre moralische und physische Lage Sorge zu tragen haben. So lange der Staat diese Fragen nicht zu der seinen macht, muß die private Wohlthätigkeit eintreten, um nur wenigstens das Uebel zu lindern, wenn man es auch nicht gänzlich beheben kann. Wenn nian auch nicht immer gleich Erfolg sieht, ist doch die Zeit, die auf das Gute verwandt ist, nicht vergeudet. Man vergißt über die Sorge um Andere oft seine eigenen Schmerzen, lernt Geduld unter den Duldenden und das Leben wird ausgefüllt durch edle Thütigkeit. Diesen gediegenen Reden wünschen wir im Kreise der Reichen viele Leser, die oft das Psalmwort außer Acht lassen „Heil dem, der vernünftig für die Armen sorgt." Inhalt: Tagcsfragen im Lichte der jüdischen Lehre. — Adolf Cremieux. — Aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Von vr. Dessauer, Landesrabb. in Meiningen — Das babylonische Exil und das Jahrhundert nach demselben mit besonderer Berücksichtigung aus die religiöse Entwicklung des Judentums. Von vr. Adolf Rosenzweig, Rabb. in Teplitz. (Fortsetzung.) — Chronik der Tagesereignisse im Judentunie auf sozialem und literarischem Gebiete. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber: 0r. Adolf Brüll; in Kommission für den Buchhandel bei Franz Benjamin Auffarth; Druck von H. L- Brönner's Druckerei lF. W. Breidenstein), sämmtlich in Frankfurt am Main.