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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-05-01 · Heft 5 (1.5.1884) · p. Seite 98

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 5 (1.5.1884)
Date
1884-05-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 fassen, die gegenwärtig in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion getreten sind und mit welchen Fürsten und Diplomaten sich ernstlich und eingehend beschäftigen, so werden wir bald einseheu, wie viel man noch in unseren! im Bezug auf die wissenschaftliche Forschung erleuchteten Jahrhunderte aus alten Quellen lernen kann, die den ineisten unbekannt geblieben sind, oder was noch viel schlimmer ist, als der Ausbund alles Niedrigen und Gefährlichen von einigen Halbwissern verschrieen werden. Der sozialen Frage, die durch den überhand nehinenden Pauperismus weitere Kreise ergriffen hat, tritt Herr Dr. Stern in seinem Vortrage näher und erblickt ihre eigentliche Wurzel in dem Pessimismus, der aber, anstatt wie bisher Erlösung in der Selbstvernichtung zu suchen, die Vernichtung des Strebens betont. Alle Ideale, die bislang die Menschheit dnrchglüht haben, sollen geopfert tverden für das eine Ideal der Vernichtung des Elends. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch ein gut Stück Erbarmen unbewußt der sozialen Frage zu Grunde liegt, denn wie sollte uns der Genuß behagen, wenn uns ringsumher nie zu stillende Seufzer umtönen, und wie will man da ein Loblied auf die Schönheit der Welt anstiinmen inmitten des fast nicht zu beseitigenden Elends und Jammers, die uns überall umgeben? Herr Dr. Stern will nun vor Allem darlegen, welche Stellung wohl die jüdische Religionsverfassung, die alle Saiten des Erbarmens und der Liebe anschlägt, zu einer solch' wichtigen Frage einnehme, die zu jeder Zeit bei allen Völkern die Geister mächtig angeregt hat. Zunächst sind es die Institutionen des Jubeljahres, die bei den späteren Essäern übliche Gütergemeinschaft, die auch bei der neuen Christengemeinde sich einbürgerte, welche darauf hindeuten, daß man der Verarmung Einzelner vorzubeugen bestrebt war. Jedoch ist es anderseits nicht zu verkennen, daß schon in der Bibel antisozialistische Institutionen vorhanden waren. Man denke nur daran, daß der Erstgeborene größere Rechte als die übrigen Geschwister hatte, worin sich ein Bewußtsein, daß die menschliche Gesellschaft hervorragender Stützen und größeren Besitzes in einer Hand nicht entraten könne, kundgiebt. Bedenken wir noch, daß im jüdischen Rechte das Mein und Dein mit ausführlicher Genauigkeit behandelt wird, so zwar, daß man den Richtern einzuschärfen nicht verabsäumt, den Armen im Gerichte nicht zu berücksichtigen, so werden wir uns darüber klar sein, daß von einer Gleichmacherei im Bezug auf Vermögensverhältnisse in der heiligen Schrift nichts zu finden sei. Und gar die Mischnah und Gemarah, woselbst uns mitgeteilt wird, daß Hillel, um dem Gesetze über das Jubeljahr, in welchem die Schuldner frei ausgiengen, die Spitze abzubrechen, das sogenannte „Prosbul" einführte, wodurch die biblische Institution außer Kraft gesetzt wurde. Schon Sätze wie: „Nur der heilige Gott thront in erhabener Höhe und verteilt nach weisem Ermessen die Güter der Menschen" oder „Lieber komme meine Nahrung aus deiner Hand, o Gott, wenn sie auch bitter wie ein Olivenblatt ist, als dargereicht von Menschenhand unter menschlichem Zwang, wenn sie auch süß wie Honig wäre", die sich ini Talmud befinden, deuten darauf hin, daß dieses Schrifttum antisozialistische Tendenzen enthält. Jedoch wo es gilt, den Pauperismus zu bekämpfen, Elend und Jammer zu beheben, da treten die alten jüdischen Weisen dafür mit aller Wärme und Kraft ein, und sie sind auch von der nötigen Menschenkenntnis erfüllt, um .da nicht wie manche Weltverbesserer heutzutage im Finsteren herumzutappen. Die Menschen lassen sich materiell und geistig nicht über einen Kamm scheren und bei der nie aufhörenden Verschiedenheit im Denken, Wünschen, Fühlen, Wollen

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