Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1883)
- Date
- 1883-02-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 nicht einmal alle Finger an einer Hand abzuzälen. Wir wollen hier nicht einzelne Männer hervorheben und auch andrerseits wiederum Niemand zu nahe treten, aber die Thatsache muß von allen Urteilsfähigen, die sich selbst nicht Dinge vorlügen wollen, die nicht vorhanden sind, zugegeben werden, daß das Studium des Talmuds selbst von den Rabbinen lange nicht mehr so ernstlich und so regelmäßig betrieben wird, wie es zunächst von ihnen zu erwarten wäre. Es ist das auch für sie so ziemlich überflüssig geworden. Das Amt erfordert es nicht, die Gemeinden verlangen es nicht, vielen fehlt auch schon die rechte Anleitung dazu und schließlich bleibt ja bei den sonstigen Ansprüchen, denen sie gerecht werden müssen, ihnen auch nicht immer so viel Zeit übrig, um sich diesem Studium, das anhaltenden Fleiß und unermüdliche Ausdauer erfordert, mit Erfolg widmen zu können. Man glaube nun ja nicht, daß man blos in den Kreisen, in denen den auf die Neugestaltung des Judentums hinzielenden Bestrebungen gehuldigt wird, dem Talmud den vermeintlich wohlverdienten Abschied gegeben habe, meine Herren! Unsere modernen Orthodoxen sind in diesem Punkte wahre Vorbilder der fortgeschrittensten Reform. „Lernen" ist Nebensache geworden und wer es damit zu ernst nehmen, zu weit treiben wollte, dem könnte das schlecht bekommen., Lernen ist eine religiöse Funktion, die in der Reihe der gewohnten zeremoniellen Übungen geduldet wird und „mit zur nötigen Staffage gehört; „Wissen" ist schon überflüssiges Möbel. Über die große Schaar der Gesinnungslosen, die es allen recht machen und denen Alles, dabei sie gut fortkommen, recht ist, wollen wir ganz schweigen. Wo die Wahrheit nicht gesucht, nicht anerkannt wird, hat auch das Wissen keinen Wert. Wir haben bisher von Deutschland gesprochen, sehen wir uns einmal in den andern Ländern um! Nach West- und Süd-Europa, nach England und Amerika brauchen wir unsere Blicke nicht zu richten. Da ist der Talmud schon so ziemlich zur terra incognita geworden und die Wenigen, die sich dann und wann nach ihm umsehen, sind fast ausschließlich eingewanderte Polen und Deutsche. Aber Österreich, Ungarn, Rußland? Man war bisher gewohnt, diese Länder als riesige Arsenale talmudischer Gelehrsamkeit anzusehen, doch auch dort sind die schönen Tage von Aranyuez längst vorüber und zum Traume, znr Mythe geworden. Gewiegte Kennerder rabbinischen Literatur, tüchtige Talmudforscher sind auch in diesen Ländern nur sporadisch anzutreffen und die wenigen, die noch als Meister in diesem Fache glänzen, stehen in oder nahe dem Greisenalter. Die Menge der Halbwisser, die sich nie die Mühe gegeben haben, auch nur eine Partie des Talmuds gründlich zu erlernen, und nichts desto weniger auf ihre Kenntnisse sehr eingebildet, zu sein pflegen, der Dilettanten, die da und dort eine Notiz erhaschen und bis zum Überdruffe damit herumflunkern, der Klauslerner, die träumend über ihren Folianten liegen und wenn sie das Buch zuschlagen, von dem, was sie da hineingemurmelt, ebensowenig Wissen und Verständnis haben, als ehe sie es zur Hand genommen, kann hier ebensowenig in Betracht kommen, als diejenigen initzurechnen sind, bei denen etwas Talmudkenntnis zum Handwerk oder zur Erhöhung ihres Ansehens gehört. In der jüngeren Generation sind selbst diese Typen nur noch wenig vertreten, was übrigens nicht so überaus zu bedauern ist. Genug, das Talmudstudium hat sich in unserer Zeit unter den Juden ebenso überlebt, wie in den früheren Jahrhunderten, in denen es zu weiter Ausbreitung gelangt war, ihnen das Bibelstudium fremd geworden war, und bald wird die solide Wissenschaft dein unvermeidlich gewordenen Phrasentume den Platz räumen müssen. Meine Herren! Wenn wir vom Stande des Talmudstudiums in der