Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Dasselbe führte den Titel „San Simoncino", nach dem Namen eines Knaben*) von dem es hieß, daß die Juden ihn getötet, um sein Blut zur Mazzotbereitung zu verwenden. Der damals regierende Papst Pius VI., der die Unhaltbarkeit der Anschuldigung erkannte, ließ alle gedruckten Exemplare wieder einziehen und verbot ihre Verbreitung. Im Juli desselben Jahres verbot derselbe Papst die Verbreitung eines andern Schriftchens von Carlo Kidolfi aus Ancona, betitelt „die Jrrtümer der Juden", einer Verläumdungsschrift, deren Zweck es war, Haß und Verachtung gegen die jüdische Race unter der Christenheit zu erregen. Im Septeniber desselben Jahres schrieb derselbe Giaeomo Giordano aus Ascoli, ein humoristisches Gedicht, „der Hebräer im Exil", in sechs Gesängen, mit Inhaltsverzeichnissen und einem Antwortschreiben an den Minister eines katholischen Staates über die beabsichtigte Austreibung der Juden. Dasselbe war dem Papst Pius VI. gewidmet- Giordano hatte aber mit seinen Schriften wenig Glück. Der arme Teufel befand sich in etwas zerrütteter Vermögenslage. Er brauchte durchaus 2000 Thaler, um seine Schulden zu bezahlen, und im Fluge seiner Pindarschen Phantasie gedachte er, sie sich von den Juden bezahlen zu lassen. Er that, als habe er von dem Minister eines katholischen Staates den Auftrag, zwei Bücher, eines in Prosa, eines in Versen gegen die Gebräuche und Sitten der Juden zu schreiben, damit jener seinen Souverain überreden könne, sie aus seinem Gebiete zu vertreiben. Der Dichter war mit einen: Juden, Namens Servadio Isacco bekannt, der in Folge seines Handels viel in Ascoli verkehrte. Eines Tags berief er diesen zu sich, zeigte ihm seine Schriften, die er soeben auf Wunsch jenes Ministers eines katholischen Staates in den Druck geben wolle. Er gab ihn: zu verstehen, welche Vorteile er von der Publikation seiner Schriften zu erwarten habe, insbesondere von dem Gedichte, das seinen Namen denen der ersten Dichter Italiens einreihen werde. Wer weiß, ob sein törichter Geist nicht von einem Triumph auf den: Kapitoliun: träumte! Außerdem, fügte er hinzu, habe der Minister ihm eine Rente von zwölf Thalern monatlich auf Lebenszeit zugesichert, ein ehrenvolles Diplom und ein reiches Geschenk. Indessen, da er ein guter Christ sei, beschwere es sein Gewissen, seinem Nächsten Böses zu thun. Er sei von den großen Nachteilen, die aus seinen Gedichten für die Juden resultiren würden, um so mehr überzeugt, als er die Köpfe des Volks mit seinen bezaubernden Reiinen, seinem schwungvollen Stile und den neuen rhetorischen Figuren Hinreißen werde. Er wolle deshalb auf so viele Vorteile gerne verzichten, wenn die israelitische Gemeinde von Ankona ihm eine entsprechende Entschädigung für gehabte Mühe und Zeitverlust anbieten wolle. Nur unter dieser Bedingung sei er bereit, seine Manuskripte dieser Gemeinde zu übersenden und sein Ehrenwort zu verpfänden, daß er Nichts weiter gegen die Juden geschrieben habe. Servadio schrieb an den Vorstand jener Gemeinde, sie möge sich schleunigst mit Herrn Giordano in Verbindung setzen. In: Archive dieser Gemeinde werden noch verschiedene Briefe, sowie jene Bücher in Prosa und Versen und die übrigen auf die Sache bezüglichen Papiere anfbewahrt. Unser Dichter verlangte zuerst dreitausend Thaler, dann beschied er sich auf zweitausend, die er unbedingt zur Zahlung seiner Schulden brauchte. Auf Verlangen der Gemeinde sandte er ihr eine Abschrift seiner Schriften, um zu beweisen, welche Bedeutung dieselben *) Über den angeblich von Inden in Trient ermordeten Knaben Simon existiren verschiedene Druckschriften.