Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sehr anregende und verdient darum weite Verbreitung, zumal darin Schäden an dem Judentume der Gegenwart mit einer achtenswerten Offenheit und mit einem rücksichtslosen Freimut zur Besprechung kommen, in deren Bekämpfung und Beseitigung der Verfasser mit Recht die Aufgabe der Presse innerhalb des Judentums erblickt. Wir halten dieses Thenia fiir so wichtig, daß wir die enggesteckten Grenzen eines gewöhnlichen Referates überschreitend, den Inhalt des wertvollen Buches etwas ausführlicher hervorheben, daran die Gedanken fügend, die durch die Lektüre desselben in uns angeregt wurden. Die Judenfrage steht im Vordergründe der Diskussion, so beiläufig spricht sich der Verfasser aus, und an Allem und Jedem zeigt es sich klar und deutlich, daß die Völker etwas wie Reue empfinden, die Bahnen der Humanität gewandelt zu sein und den Juden die Emancipation gegeben zu haben. Diesem Reuegefühle soll auch die antisemitische Bewegung entstammen die in Rußland, Deutschland und Österreich so weite Kreise gezogen und so unheilbringend um sich gegriffen. Ein gewaltiger Sturm zieht über die Gefilde der Menschheit dahin und die höchsten Errungenschaften der Humanität, die höchsten Ideale der Menschheit sind in Frage gestellt und werden in Diskussion gezogen. Wie verhalten sich die Juden dieser Gefahr gegenüber? Was ist geschehen, um diese Bewegung, die von allen Seiten auf uns eindringt, abzuwehren? Von den Meisten nichts, gar nichts. Weitaus der größte Teil der Juden ist religiös indifferent, stumpfsinnig, apathisch auch dieser Frage gegenüber, will sich aus seiner Trägheit und Lässigkeit nicht aufraffen, will nicht erkennen, daß die Judenfrage ihrem innersten Wesen nach eine tief religiöse sei, zu der wir Stellung nehmen können, Stellung nehmen müssen, sollen die Gefahren abgewendet werden, die von allen Seiten uns umgeben. Zunächst müssen wir uns den Schlummer aus den Augen reiben und zur Selbsterkenntnis erwachen, ohne welche eine Verbesserung unserer Zustände nicht kommen kann. Unerschrocken und rückhaltlos müssen die Schäden des Judentums in seinem Innern dargelegt werden, wie auch die Gefahren, die von außen drohen, nicht verschwiegen oder verkleinert werden dürfen. Ein begeisterter Anhänger des Judentums hat gerade in so bewegten Zeiten, wie die, in welchen wir leben, die unabweisbare Pflicht, die wahren Zustände innerhalb des Judentumes zu schildern, denn nur aus der richtigen Erkenntnis der Fehler kann uns die Hoffnung werden, daß man sie beseitigen könne. Man darf nicht ohne Gefahr mit Kälte, mit Gleichgültigkeit und Trägheit Fragen gegenüberstehen die warme Begeisterung und Energie erheischen, um sie zu verstehen, und die aus demselben erwachsenden Nachteile abzuwehren. Eine wohlorganisierte,., von den Juden kräftig unterstützte jüdische Presse soll zunächst dazu beitragen, Übelstände zu beseitigen und bessere Zustände herbeizuführen. Aber die Juden wollen, wenige Ausnahmen abgerechnet, von jüdischer Literatur nichts wissen und an eine durchgreifende Organisation ist gar schwer zu denken bei der nun einmal vorhandenen centrifugaleu Natur des jüdischen Volkes. Zwar haben wir für das Judentum und seine Träger trotz aller Kämpfe, die ihm bevorstehen, gar nichts zu fürchten. Es ist wetterfest und trotzt allen Stürmen und wenn auch Zweige brechen, der Stamm sogar gefällt wird, die Wurzel ist und bleibt gesund und unvernichtbar und wird immer neue Triebkräfte entfalten und neues Wachstum aus sich herausgestalten und mit Pater Lacordaire können wir getrost ausrufen: „Grabt ihr Gegner des Judentums dein jüdischen Volke eine Gruft, so Ihr es vermöget, versiegelt sie mit dem festesten Kitt, stellet Wachen rings herum, lachend wird dieses Volk auferstehen!" Das Judentum ist eben eine geschichtliche Notwendigkeit in der Menschheit