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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1882-09-01 · Heft 9 (1.9.1882) · p. Seite 215

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 9 (1.9.1882)
Date
1882-09-01
Page
Seite 215 (sequence 23)
Language
German
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215 nahm immer zu. Jnsonders ist es die Agada, welche, indem sie Herz und Gemüt in Anspruch nahm, und aus dem ureigenen Herzen des Volkes redend, zum Volke sprach, tröstend, beruhigend, stärkend, erhebend, ein Gefühl des Pessimismus, welches, wenn um sich greifend, immer ein Zeichen des Verfalles ist, nicht aufkommen ließ. Diesem Geiste, der die toten Gebeine belebte, der neues Leben schuf aus den Ruinen verdanken wir die forterhaltene Jugendfrische des Judentums. Neben der Schärfe des Geistes, neben der minutiösen Gewissenhaftigkeit, die sich in der Halacha bekundet, erkennen wir diese Geistesfrische des Judentums in den gemütvollen Werken der Agada. Der Prediger, der Gleichnißredner steigt zum Volke hiernieder, fühlt mit ihm, zeigt ihm in den Vorgängen der Vergangenheit die Gegenwart wieder gespiegelt. Das Wort: warum sollen die Völker sprechen: wo ist ihr Gott? (er läßt uns ungestraft sie peinigen und morden; also thun wir ein gutes Werk, das Gott wohlgefällt) ertönte nicht nur in des Psalmisten Tagen; auch der Römer und die Barbarendes Mittelalters und des 19. Jahrhunderts sprachen heuchlerisch also. Aber gläubig hörte das Volk das Wort: unser Gott ist im Himmel, wir fügen uns in seinen Willen, sind bis in den Tod getreu. Natürlich hat die Umgebung, der Druck, die sklavische Behandlung auch schädliche Wirkungen geäußert. Auch der heidnische Aberglaube fand Eingangs Man suchte die unlöslichen Widersprüche des Wortes: „vor den Zeichen des Himmels sollt ihr euch nicht fürchten, wie die Völker sie fürchten", mit den abergläubigen Anschauungen von Einwirkung der Sterne, der Zauberkünste in Einklang zu bringen. Die tiefe Erbitterung über den frevelhaften Druck potenzirte das Bewußtsein der sittlichen Mission zu Ausbrüchen der Exelusivität. Aber immer findet die reine Lehre der Geistigkeit Gottes, der Gesetzmäßigkeit in Natur und Schicksal, der allgemeinen Menschenliebe daneben ihren klaren Ausdruck. Die gezwungene Reaction, der Rückfall in die Roheit hat in neuerer Zeit auch darin Ausdruck gefunden, nur die Schattenseiten aus der tausendjährigen talmudischen Literatur hervorzuheben, um die Brut des Racenhasses zu zeitigen. Wahrhaft erfreulich ist es, und ehrend für die christliche Teologie daß nun in naiver objectiver Weise zur Förderung der Wissenschaft Talmud und Midrasch der deutschen Literatur gewonnen werden. Ein protestantischer Theologe, Er. August Wünsche in Dresden, hat bereits die Agada des jerusalemischen Talmud übersetzt; derselbe hat in seiner Schrift „der Talmud" eine Skizze, hierauf 1879 eine unbefangene Würdigung dieses Complexes tausendjährigen religiösen Schaffens gegeben. Wir wollen heute auf ein bedeutsames, umfangreiches Unternehmen desselben Verfassers aufmerksam machen. Es ist die Bibliotheka rabbinica, eine Sammlung alter Midraschim, zum ersten Male in's Deutsche übertragen. Leipzig. Otto Schulze. Herr Wünsche hat bis jetzt Midrasch Koheleth, Midrasch Esther, Midrasch Echa, Midrasch Schir. Haschir, Bereschith rabba vollständig herausgegeben; Scliemoth. r. und Debarim rabba sind dem Abschlüsse nahe. Noch sollen folgen außer dem Midrasch zum 3. und 4. Buch Moses, Midrasch Saumel, Tehillim und Mischle. Die Übersetzung ist klar, fließend und in eleganter Sprache Berücksichtigt man die Schwierigkeit, welche die vielen fremdsprachlichen Elemente des Midrasch verursachen, so ist das Verdienst des Übersetzers um so höher zu achten. Es ist dasselbe auch von berufener Seite fortwährend gebührend anerkannt worden. Es ist nur zu bedauern, daß jüdisch-literarische Bestrebungen sehr wenig Förde-

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