Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1882)
- Date
- 1882-07-01
- Page
- Seite 168 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Behagen findet. Es drängt sich einem bei Lectüre dieser Briefe wirklich die Frage auf, ob ein Staat, in dem solche Greuel ungescheut und ungestraft geschehen, wirklich noch mehr als scheinbar und nominell zu Europa gehöre. Die Vorkommnisse in Rußland sind ein Hohn auf die gesittete Menschheit, deren heiligste Errungenschaften dort mit Füßen getreten, verhöhnt und verlacht werden. Wie tief muß ein Staat moralisch gesunken sein und wie hat er seine volkserziehliche Bedeutung vergessen, wenn solche die Grundfesten des Rechtes und der socialen Weltordnung erschütternde Thatsachen, sich in seiner Mitte zutragen können. Die Erscheinungen in Rußland sind als Symptom einer tiefen Erkrankung des ganzen Volkskörpers aufzufassen. Nach diesen schrecklichen Vorgängen ist in Rußland nichts mehr unmöglich und das Schlimmste zu befürchten. Ein geistreicher Schriftsteller (l)r. Chronik: Der russische Staat, Berlin, Wilhelm Ißleib) ruft mit Recht aus: Es scheint als hätte der Genius der europäischen Völkergeschichte den russichen Staat entstehen lassen, weil er eines Exempels bedurfte, um zu zeigen, wie ein Staat nicht sein soll. Doch diese Versündigung an dem, was dem Menschen als das Heiligste und Höchste gelten soll, kann nicht ungestraft bleiben und der Funke der Bewegung in den wüsten Haufen geworfen, kann gar bald zur hellen Flamme auflodern, die weit um sich greift und dort zerstört, wo man es nicht wünscht und will. Wer kann es sagen, ob die Tage von Balta, an denen das Recht entthront wurde, nicht bald zum Sturmsignale neuer Empörungen und Auflehnungen werden sollen. Rußland ist gegenwärtig ein Hohn auf Civilisation, Humanität und Bildung und die jüdische Massenauswanderung aus diesem Land ist das traurigste Blatt, nicht der jüdischen, sondern der Geschichte Europas in diesem Jahrhundert. Wir vertrauen einer höheren Macht, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht und jeder Seufzer und Schmerzensschrei, jedes in Rußland gekrümmte Haar ist eine harte Anklage, die, wenn sie auch von Menschen nicht erhört, von Gott gehört wird. Indes sind die Kundgebungen vieler Städte fiir die armen russischen Juden Zeichen und Zeugnis dafür, daß es noch Menschen giebt, denen die heiligsten Gesetze des reinsten Menschtums tief in das Herz geschrieben und die die Schmach tief empfinden, die unserem Jahrhundert angethan ist. Möchten doch diese Ereignisse auch uns daran gemahnen, etwas ernstlicher in unsere gerade nicht besonders erfreulichen inneren Verhältnisse einzublicken und fiir die Hebung der geistig sittlichen Cultur unter unseren östlichen Glaubensgenossen Ersprießliches zu leisten und anzubahnen, uns aufgefordert fühlen. Wenn die Vorsehung über Israel Leiden sendete, so sollten sie immer zu seiner Läuterung dienen und diese Lehre dürften auch Manche unter uns sich zu Herzen nehmen. Mögen wir durch Ankauf obbenannter Schrift, die bereits in zweiter Auflage erschienen ist und deren Reinertrag zur Unterstützung der russischen Juden bestimmt ist, uns veranlaßt sehen, soweit es in unseren Kräften steht, rettend einzutreten. Diese Schrift hat nebstdem noch literarhistorischen Wert und der Geschichtsschreiber unseres lichten Jahrhunderts wird hier die Schatten nehmen, um sie in sein Bild zu verweben._ _ __ _ Inhalt: Das Vermächtnis eines Getreuen. — Das Judentum und die Nationalitätsidee. Von vr. A. Rosenberg. (Schluß). — Geschichtsbilder. Bon 0r. M. H. Friedländer. - Die Juden in Sieilien. Bon Jsidoro La Lumia. ~ Referate. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber: Dr. Adolf Brüll; Verlag von Franz Benjamin Aufsarth; Druck von H. L. Brönner's Druckerei (F. W. Breidenstein) sämmtlich in Frankfurt am Main.