Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1882)
- Date
- 1882-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 die Juden Verdacht gewachsen, daß sie durch Vergiftung der Brunnen und Wasser solche sterbende Läuff verursacht, deßhalben man sie an etlichen Orten zur Tortur gezogen, und als theils aus Schmerzen der Marter des Bezichts gestanden, hat man ohne Unterschied zu ihnen gegriffen, Mann und Weib und Kinder in den Reichsstädten am Rhein getobt, verbrennt und geradbrecht und hat des gemeinen Pöbels grimmiges Wttthen nicht gestillt werden können. Zu Speier," fährt derselbe nach M. Albertus in Chron. fort, „haben sich die Juden in ihre Häuser versammelt, dieselbe angesteckt und sich sammt Weib, Kind, Hab' und Gut verbrennt." Es sind aber außerdem noch so Viele von dem Pöbel erschlagen worden, daß man eine Verpestung der Luft durch die in den Straßen aufgehäuften Leichen fürchtete, und deshalb die toten Körper „in leere Weinfässer schlug und in den Rhein warf." Von den Steinen der abgebrochenen Judenhäuser, den Grabsteinen und Mauern des Friedhofes wurden neue Thiirme erbaut und die Stadtmauern ausgebessert und erhöht^. Und in der That! noch vor wenigen Jahrzehnten wurde eine Masse solcher Grabsteine in den Stadtmauern, Häusern, Treppen u. s. w. in Speier aus jener und noch viel älterer Zeit gefunden. Auch die bedeutende Größe des botanischen. Gartens, der vor wenigen Jahrzehnten auf dem jüdischen Friedhofe, wie die Überlieferung erzählt, angelegt wurde, und die große daselbst gefundene Anzahl Grabsteine, sowie ein herrliches wahrhaft großartiges Frauenbad in einem heutigen Pfarrgarten, der noch den Namen „Judenschule" trägt, legen Zeugnis von der damaligen Größe der Gemeinde ab. Für die ruchlose That erkaufte sich später die Stadt Straflosigkeit von dem verächtlichen Kaiser Karl IV., indem sie besonders die gerade damals stattfindende Wahl des Grafen Günther von Schwarzburg zum Gegenkaiser benutzte, gegen welchen Karl besonders die Hilfe der Städte brauchte. Der elende Despote gab der Stadt einen Freibrief für die begangene Schändlichkeit, „obgleich", wie es in dem merkwürdigen Aktenstück heißt, „durch solch' Verderben der Juden Kaiserlicher Majestät Kammergefäll merklicher Abbruch beschehe." Wäre dieser „Abbruch Kaiserlicher Majestät Kamrnergefäll" nicht gewesen, es hätte wohl in jenen Zeiten, deren Seligkeit man von manchen Seiten so mächtig wieder zurückbringen möchte, wegen der an Juden verübten Gräuel keines Freibriefes kbitvfi. Der Kaiser schenkte sogar alle noch vorhandene Güter der Juden, sowie das Recht unumschränkter Herrschaft über Leib und Gut aller, die sich in Zukunft wieder daselbst niederlassen möchten, der Stadt. „So han wir", heißt es in dem desfallsigen kaiserlichen Privilegium, „von unserer königlichen Gewalt für uns und alle unsere Nachkommen, denselben Bürgern der Stadt und der Gemeine zu Speier zu ihrer Städte Nutzen geben und gebent mit diesem Brief die Judenhäusern, Hofestätte, Boden und Bau und alles das derselben Judischheit zu Speier gemeinlichen oder sonderlichen zugehörte, wie die gut genannt sind in der Stadt oder in der Vorstadt zu Speier gelegen . . . Wäre auch, daß derselben Bürger aus der Stadt zu Speier nu oder hernach fügete, Juden zu haben in ihrer Stadt ... die geben wir ihnen . . . also daß dieselben Juden mit Leib und Gut ihr derselben Bürger und der Stadt zu Speier eigen sind* 2)." In der That scheinen sich bald nachher wieder Einzelne da niedergelassen zu haben; denn schon im Jahr 1353 wird ihre Ausweisung aus der Stadt berichtet. Doch scheint es wahrscheinlicher, daß Einzelne dem Blutbad im Jahre ') Emek Habacba von Jos. Hotoh. Trauerlieder bei Landsberg Am. Haab. 2) Speyerer Chronik.