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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-12-01 · Heft 12 (1.12.1881) · p. Seite 274

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 12 (1.12.1881)
Date
1881-12-01
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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274 gegen alle geistigen Errungenschaften, auf die man mit Stolz als auf den Ertrag unseres Jahrhunderts hinzuweisen sich berechtigt glaubte. Es sind alle Anzeichen dafür vorhanden, daß noch manche heiße Schlacht geschlagen werden wird, ehe der Sieg dauernd errungen und bleibend gesichert ist. Wenn wir die Ereignisse des nun ablaufendem Jahres nicht aus dem Gesichtspunkte des Augenblickes, sondern von der geschichtlichen Hohe aus betrachten, so werden wir, so betrübend diese Erscheinungen sich auch äußerlich geben mögen, dadurch uns nur veranlaßt sehen, mit desto mehr Mut und Begeisterung uns aus die hohe Bedeutung und Mission des Judentums zu besinnen, das erst dann seine Aufgabe gelöst und vollftthrt haben wird, bis die Erkenntnis der Zusammengehörigkeit aller Menschen zu einem durch Liebe geeinten Bunde alle Kreise der Erde durchdrungen. Den Haß, der uns umtönt, wollen wir durch Liebe entwaffnen und durch unentwegtes Fortschreiten auf der Bahn des Guten, dem wüsten Geschrei nach Zerreißung und Zersplitterung in Stämme und Raceu den alten Ruf von der Einheit und Unzertrennlichkeit der Völker entgegenhalten, die, wenn sie auch nach Staaten, Sprachen, Gesichtszügen, Hautfarben, Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten getrennt und geschieden sind, dennoch wiederum eins sind und eins bleiben in dem Bewußtsein geistiger Zusammengehörigkeit und vereinten Strebens nach gemeinsamen hohen Zielen. Wir brauchen uns, soweit wir ein edles ehrliches Streben haben, nicht irre machen zu lassen, denn rückläufige Bestrebungen und Bewegungen in dem Leben der Völker sind doch oft nur Erholungspausen auf den Wegen geistigen Fortschrittes, und die Menschheit, des; können wir gewiß sein, geht nie abwärts, immer aufwärts führt ihr Weg. Was so durch den Sturm als Staub' aufgewirbelt manches klare Auge verwirrt, hört bald wieder auf, den Gesichtskreis zu trüben und die Wolken sind doch nur eben Wolken, die wieder gehen, wie sie gekommen, während die Sonne in ewig frischem Glanze wie neuverjüngt ihr leuchtend Antlitz erstrahlen läßt. Verzweifle» nur nicht an dem edlen, gesunden Kerne, der _ in der Menschheit vorhanden ist, er ist und bleibt die Bürgschaft nnjeres Bestandes, die Hoffnung unserer Zukunft. Wir Juden, das wetterfeste Volk der Geschichte, das alle Stürme überdauert, alle Kämpfe überumuden, aus allen Angriffen neuverjüngt hervorgegangen ist, werden auch aus der jetzige» Bewegung frische Geisteskraft schöpfen, wenn wir ihre Mauruse nicht überhören, die uns wecken ans der Gleichgültigkeit gegen unsere Religion, in der wir uns befinden, aus der Mattigkeit, Lässigkeit und Untätigkeit, in der wir verharren, aus jener Selbstgefälligkeit, Selbstgerechtigkeit und Selbstzufriedenheit, welche die ärgste» Feinde und gefährlichsten Gegner sittlichen Aufschwungs und geistiger Erhebung sind. Auch das scheinbar Schlechte, das uns bei oberflächlicher gedankenloser Betrachtung als ein Unheil erscheinen mag, hilft oft unbewußt das Gute fördern und es untre ein Glück zu nennen, wenn wir uns durch die Geschehnisse um uns angeregt fühlten, ernstlich darüber nachzusiuuen, welche Stellung das Judentum zu der Zeit und den sie bewegenden Fragen einzunemen habe. Wir sind, soviel steht fest, wahrlich nicht dazu berufen, die Vorkämpfer und Apostel des Atheismus und des Materialismus zu sein und so die Zersetzung des Judentums und Ehristentums herbeizuwünschen und herbeizuführen, sondern sollen vielmehr gemeinsam in dein Bewußtsein, daß Judentum ebensowenig Aiitichristentnm wie Christentum Antijudentum sein soll, an unserer Selbsterziehung arbeiten und an der Ausrechthaltung einer idealen sittlichen Weltordnung. Vom Ehristentnme trennen uns nur dogmatische Differenzen, die in Zukunft einst beigelegt werden und die keinen Grund zur Feind-

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