Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1881)
- Date
- 1881-11-01
- Page
- Seite 263 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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263 Ich stelle aus alten schwer zugänglichen Druckwerken diese minder bekannten Dinge zusammen, ich schweige von den Verbrennungen, von den Austreibungen, schweige von den tausendjährigen Verfolgungen, die jeder in bekannten Geschichtswerken Nachlesen kann. Einzelne Fälle nur seien noch erwähnt, weil sie ein besonders scharfes Licht werfen aus die Zeit und die Menschen. Papst Urban II. ertheilte den Wallbrüdern das Recht die Juden zu taufen oder zu tödten. Aber damit waren sie nicht zufrieden. Den Juden, die sich taufen ließen, raubten sie trotzdem ihr Vermögen, denn meinten sie: ein Christ darf kein betrügerisches Gut behalten und die Glückseligkeit der Taufe ist durch Verlust des Geldes nicht zu theuer erkauft. Die Kreuzfahrer mordeten (1146 unter dem Mönch Rudolph) die Juden. Sie hingen sie an den Beinen auf, einen Hund zur Seite. Im 14 Jahrhundert bot die Pest den Anlaß zu Judenhetzen und Judenbränden im ganzen westlichen Europa. Ein österreichisches Kirchengesetz von 1267 verordnete: jeder Jude solle dem Kirchspielpfarrer jährlich einen Gottespfennig geben und immer daran denken, daß, wo er wohne, eigentlich ein Christ wohnen sollte. Der Christ, der mit einem Juden umging, erhielt nach jenem Gesetze den Staupbesen, der Jude Gefängnis). Die Frage, ob die Ermordung eines Juden oder Heiden als Mord bestraft werde, ja ob sie Sünde sei, wurde von den alten Juristen und Theologen verneint. (Thcs. quaest. for. 36). Bekanntlich wurden die Juden in Spanien in demselben Jahre 1492 vertrieben, in welchem der Spanier Columbus Amerika entdeckte, das Land, welches den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Religionen zuerst thatsächlich und vor IM Jahren zuerst verfassungsmäßig zur Geltung brachte. Und was veranlaßte Ferdinand den Katholischen zu dieser Austreibung von 300 OM, nach Anderen 8M OM Juden? Ein Gelübde der Dankbarkeit gegen Gott, abgelegt bei Belagerung der Maurenstadt Granada. Die spanischen Juden, die zur Blüthe Spaniens so viel beigetragen, die bedeutende Gelehrte, Dichter und Staatsmänner in ihrer Mitte zählten, mußten binnen 3 Monaten ihr Geburts- und Heimathsland, das Land ihrer Väter und ihrer Lieder, verlassen. Vergeblich bat Abarbanel, der bekannte jüdische Staatsmann, Philosoph und Bibelerläuterer, der unter drei Königen in Spanien geheimer Rath gewesen, um Rücknahme. Er mußte mit seinen Glaubensbrüdern fliehen und starb 1508, 71 Jahre alt, in Venedig (geboren 1437 in Lissabon). Den aller ihrer Güter beraubten flüchtigen Juden ans Spanien, die sich nach Genua einschifften und dort verhungert ankamen, hielt man bei der Landung das Crucifix und Brod vor und gab ihnen nur dieses, wenn sie jenes annahnien und sich taufen ließen. Die Juden, welche, um in ihrem Vaterlande Spanien bleiben zu können, sich der Taufe unterworfen, sogenannte Marraunen („Verfluchte" vom spanischen Marrono, gebildet aus /uamruOu der hebräischen Uebersetzung des «vadium 1. Kor. 16. 22) blieben insgeheim Juden und sollen sich bis auf unsere Tage erhalten haben. Einzelne von ihnen gingen selbst oder sandten ihre Kinder nach Holland. Uriel Acosta, Barnch Spinoza entstammen solchen Familien. Kurz darauf wurden auch die Inden aus Portugal vertrieben (1497). Wer zurückblieb, wurde Sklave oder Christ, Kinder unter 14 Jahren wurden gewaltsam getauft. Eine jüdische Mutter warf sich, wie Armgart in Schiller's Tell, vor das Pferd, auf dem der König ritt und bat: er möge ihr von ihren