Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums
- Volume
- 1822-1823
- Issue
- 1 (1823)
- Date
- 1823-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Volk der Freiheit und Selbstständigkeit beraubt, baS beide nur im vollsten Maaße, oder gar nicht genießen konnte und wollte; ein Volk, dessen gesammte Verhältnisse, öffentliches und häusliches Leben, Wissenschaft und Kunst durch ein und dasselbe Princiv bedingt und geregelt waren; ein Volk, dessen Litteratur nichts als die Darstellung einer immer mehr entwickelten religiösen Idee, dessen Poesie nichts, als die Verherrlichung eben dieser Idee ist. — Das Reich der Juden ist untergegangen, aber das Judenthum nicht. — Hunderttausende bekannten sich noch zu derselben Idee, ja das Unglück verband sie nur noch fester mit ihr, sie trugen sie mit sich in alle Welt. Der Jude bewahrte überall seine Volkstümlichkeit, blieb überall Jude. Je unglücklicher das Volk wurde, desto zuversichtlicher übergab es sich der kindlichen Hoffnung einer Wiedervereinigung und eines erneueten Glanzes. Die Erwartung einer Messianischen Endzeit, die alles Unrecht ausgleicht, alle Wahrheit klar an den Tag bringt, ist der Menschheit, zumal der gekränkten, unglücklichen, eben so natürlich, als die Sage von einer harmlosen, glückseligen, goldnen Urzeit. Unglück, Druck und Verfolgung, je höher sie sieigen, desto lebendiger wecken sie in dem Leidenden die Ueberzeugung, daß sein Zustand nicht von Dauer seyn kann; desto näher drängen sich die Leidensgefährten an einander, und desto fester halten sie an Alles, was ihnen als Zeuge einer seligem Vergangenheit geblieben ist. — Aber die Schnstgelehrten unter den Juden, in den nächsten Jahrhunderten nach der Zerstörung ihres Staates, verstanden es auch, die Idee des Judcnchums abermals den veränderten Verhältnissen gemäß, eng mit dem