Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1869)
- Date
- 1869-07-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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Von S... 321 warmer Theilnahme hatte dieser seinen Werten gelauscht und kein spöttisches Lächeln hatte die Lippen des emst so judenfeindlichen jungen Mannes umspielt, längst hatte er die religiösen Anschauungen seines Freundes kennen und achten gelernt. Die Zeit schritt vor, der Unterricht, den Mina Wenzel im Kloster erhielt, schien reiche Früchte zu tragen, der Tag, an dem sie ihr Noviziat antreten sollte, nahte. Die junge Erbin, die nur noch in den Hoffnungen lebte, mit denen man im Kloster ihre Phantasie entstammt, wünschte diesen hochwichtigen Tag als Fest zu begehen. Zu diesem Zwecke wollte sie die heiligen Statuen in der Kirche und den Altar neu bekleiden. Doch nicht mit Stoffen, die vielleicht zu profanen Zwecken gearbeitet waren, reiche schwere Seidenstoffe sollten speziell dazu gewebt werden, und sie selbst wünschte, Muster und Farben auszuwählen. Ihr Wunsch galt als Befehl. Am Tage, nachdem sie ihn geäußert, befand sie sich, begleitet von einer Ordensschwester, auf dem Weg zu einer Seidenfabrik, um dort persönlich ihre heiligen Bestellungen zu effcktuiren. Es war das erste Mal, daß die Straßen der Residenz ihr zu Gesicht kamen; so lange ihr Vater lebte, hatte sie ihr heimathliches Städtchen nie verlasien, und seitdem sie in dem Kloster, das in einer stillen Straße einer entlegenen Vorstadt sich befand, weilte, hatte sie die Räumlichkeiten desselben nicht überschritten. Zum ersten Male sah sie das rege Leben einer Weltstadt und so sehr es den Geistlichen auch bereits gelungen war, sie für ihre Zwecke zu gewinnen, so waren sie doch nicht im Stande gewesen, allen Lebensmuth in dem siebenzehnjährigen Mädchen zu ersticken. Dieses lärmende Treiben und Wogen unzähliger Menschen und Fuhrwerke, diese herrlichen Himmelanstrebenden Gebäude, diese prachtvollen Schaufenster mit allen Herrlichkeiten, die die Phantasie nur zu ersinnen weiß, das Alles verfehlte nicht, einen unaussprechlichen Reiz auf das Gemüth der künftigen Himmelsbraut zu üben. Zuerst, fast betäubt von dem ungewohnten Lärm, empfand sie bald das lebhafteste Verlangen, sich hineinzustürzen in das Gewühl der Menge, frei sich zu bewegen in dm Wogen des Lebens, von all den Herrlichkeiten, die ihr Auge schaute, das Herrlichste für sich zu wählen — sie hätte es ja können, die Mittel fehlten nicht, der Erbiw einer Million. Wer weiß, wohin das wilde Klopfen ihres Herzens sie geführt, wäre die 21